Atlassian verlor gestern 15%, weil der vorsichtige Wachstumsausblick die Erwartungen dämpfte, wie Medienberichte den Kursrutsch einordneten. Für mich steckt darin die entscheidende Anlegerfrage: Wie belastbar ist das Wachstum, wenn große Kunden ihre Nutzung ausweiten, das Unternehmen aber zugleich eine langsamere Expansion erwartet?

Atlassian liefert Argumente für beide Seiten. Gerade deshalb verdient die Zusammensetzung des Wachstums mehr Aufmerksamkeit als die übertroffenen Quartalsschätzungen.

Kundenausbau trifft auf niedrigere Erwartungen

Im bereits veröffentlichten Bericht zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 meldete Atlassian einen Umsatz von 1.772 Millionen $. Das entsprach einem Wachstum von 24% gegenüber dem Vorjahr.

Diese Geschäftsentwicklung spricht für das Unternehmen, sofern die zusätzliche Nachfrage auch künftig in wachsende Erlöse mündet. Einen konkreten Anhaltspunkt liefert der Aktionärsbrief: Infosys, SAP, Westpac und Workday haben ihre Nutzung der Atlassian-Plattform ausgeweitet. Für die Beurteilung des Geschäfts ist das aussagekräftiger als eine bloße Liste prominenter Kundennamen. Hier geht es um eine vertiefte Nutzung bestehender Angebote.

Auch der Auftragsbestand liefert ein Argument für Atlassian. Die verbleibenden vertraglichen Leistungsverpflichtungen, kurz RPO, wuchsen laut Aktionärsbrief um 44,4%.

Ich würde diese Entwicklung als Stütze betrachten, sofern daraus tatsächlich Umsatz entsteht. Vertragliche Verpflichtungen geben dem Wachstum eine Grundlage; über dessen künftiges Tempo entscheidet jedoch die Umsetzung. Genau an dieser Stelle treffen die positiven Geschäftssignale auf den vorsichtigeren Ausblick des Managements.

Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet Atlassian ein Gesamtumsatzwachstum von ungefähr 13,75%. Die jährlich wiederkehrenden Abonnementerlöse sollen um etwa 18,5% zulegen.

Der Strukturwandel muss sich rechnen

Der rote Faden ist damit die Verschiebung innerhalb des Geschäfts. Atlassians Cloud-Angebote wachsen, während das Unternehmen für Data Center rückläufige Erlöse erwartet. Aus Anlegersicht zählt, wie erfolgreich die wachsenden Angebote diese Belastung auffangen.

Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erreichte der Cloud-Umsatz 1.302 Millionen $ und stieg gegenüber dem Vorjahr um 31%. Für das folgende Quartal prognostizierte Atlassian ein Cloud-Wachstum von ungefähr 27%.

Das spricht weiterhin für die Cloud als Wachstumsträger, sofern die Nachfrage das erwartete Expansionstempo trägt. Zugleich macht die Prognose deutlich, warum ein starkes abgeschlossenes Quartal allein die Bewertung des weiteren Geschäftsverlaufs nicht entscheiden kann.

Für Data Center rechnet Atlassian im Geschäftsjahr 2027 mit einem Umsatzrückgang von ungefähr 16%.

Meine Einordnung fällt deshalb zweigeteilt aus: Die ausgeweitete Kundennutzung und die gewachsenen vertraglichen Verpflichtungen stärken das Vertrauen in die Nachfrage, sofern sie sich in Erlösen niederschlagen.

Der erwartete Rückgang bei Data Center belastet dagegen die Wachstumsrechnung, solange die Cloud ihn ausgleichen muss. Entscheidend wird damit, ob Atlassian seine Kundenbeziehungen in ausreichend kräftiges Gesamtwachstum übersetzt. An dieser Messlatte muss sich der weitere Geschäftsverlauf messen lassen.