Fünf Rüstungswerte, ein gemeinsames Muster: Die Auftragsbücher wachsen schneller, als die Bilanzen mithalten können. Hensoldt und Renk meldeten diese Woche historische Auftragseingänge, DroneShield kämpft sich nach einem brutalen Juli-Ausverkauf zurück, und OHB bestätigt trotz sinkendem Gewinn seine Jahresprognose. Anleger müssen nun genau hinschauen, wo echte Substanz steckt und wo die Bewertung bereits vorauseilt.

DroneShield: Institutionelle Käufer springen nach dem Crash ein

Die DroneShield-Aktie notiert aktuell bei 1,35 Euro und legt heute um 3,01 Prozent zu, nach einem Schlusskurs von 1,31 Euro am Vortag. Auf Wochensicht steht ein Plus von 27,58 Prozent zu Buche – eine kräftige Erholung nach dem Kursrutsch im Juli. Auf Monatssicht bleibt mit minus 6,69 Prozent allerdings ein Verlust, und seit Jahresbeginn liegt der Titel satte 24,92 Prozent im Minus.

Der Rebound fällt zeitlich mit einer bemerkenswerten institutionellen Bewegung zusammen. JPMorgan Chase erhöhte seine Stimmrechte am Unternehmen von 5,15 auf 6,68 Prozent, wie eine Offenlegung zum 30. Juli zeigte. Die Aufstockung folgte auf eine kursrelevante Handelsmitteilung: DroneShield rechnet im ersten Halbjahr mit einem Umsatzsprung von 74 Prozent auf 125,8 Millionen australische Dollar, für das Gesamtjahr peilt das Management zwischen 250 und 270 Millionen an – ein Plus von 15 bis 25 Prozent gegenüber 2025.

Zum Auftragsvolumen kam eine Überraschung aus Europa hinzu: Ein Wiederverkäufer bestellte für 23,2 Millionen Dollar Ausrüstung für einen europäischen Militärkunden, Teil eines auf 206 Millionen Dollar angewachsenen Auftragsbestands zum 28. Juli. Die Bruttomarge sank im ersten Halbjahr von 65 auf 60 Prozent, weil das Geschäft schnell skaliert – für die zweite Jahreshälfte peilt das Management dank neuer Hardware und wachsendem Abo-Geschäft wieder 65 Prozent an. Vier Analysten sehen im Schnitt ein Kursziel von 2,37 australischen Dollar, was einem möglichen Aufwärtspotenzial von rund 40 Prozent entspräche.

Renk Group: Rekordbestellungen treffen auf verhaltene Kursreaktion

Renk kommt aktuell auf 50,73 Euro, nach einem Rücksetzer von 1,09 Prozent gegenüber dem gestrigen Schlusskurs von 51,29 Euro. Auf Wochensicht steht dennoch ein Plus von 5,90 Prozent, auf Monatssicht sogar von 9,90 Prozent. Der Titel handelt damit klar über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 46,75 Euro, bleibt seit Jahresbeginn aber mit minus 5,97 Prozent im roten Bereich.

Die am Donnerstag veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigten unveränderte Nachfrage im Verteidigungsgeschäft: Der Umsatz kletterte um 2,7 Prozent auf gut 637 Millionen Euro, das bereinigte EBIT stieg um rund 10 Prozent auf gut 98 Millionen Euro, die Marge verbesserte sich von 14,4 auf 15,4 Prozent. Die eigentliche Nachricht war aber der Auftragseingang: Mit fast 1,2 Milliarden Euro erreichte Renk nahezu das Niveau der ersten neun Monate des Vorjahres – in nur sechs Monaten. Vorstandschef Alexander Sagel bestätigte die Jahresziele, wonach der Umsatz 2026 auf mehr als 1,5 Milliarden Euro steigen soll.

Besonders kräftig wuchs die Sparte Vehicle Mobility Solutions, wo der Auftragseingang um 42,6 Prozent auf 970,4 Millionen Euro zulegte – ein Book-to-Bill-Verhältnis von 2,3. Ein verlängertes Rahmenabkommen mit Rheinmetall für das KF41-Lynx-Programm trug dazu bei, ebenso ein Folgeauftrag der US-Armee im Rahmen des THOR-IV-Programms für das HMPT-800-Getriebe im Volumen von bis zu 691 Millionen Euro. Das bereinigte EBIT-Ziel von 255 bis 285 Millionen Euro ist bereits zu über 90 Prozent durch den Auftragsbestand gedeckt. Die Zahlen entsprachen weitgehend den Erwartungen, weshalb die Kursreaktion vor allem von der Auftragsdynamik getragen wurde statt von einer echten Gewinnüberraschung.

Hensoldt: Auftragsbestand knackt die Marke von 10 Milliarden Euro

Die Hensoldt-Aktie notiert bei 90,66 Euro und legt heute um 1,27 Prozent zu, nach 89,52 Euro am Vortag. Auf Wochensicht summiert sich das Plus auf 13,38 Prozent, auf Monatssicht auf 15,11 Prozent. Seit Jahresbeginn steht der Titel mit 23,51 Prozent klar im Plus, während sich der 12-Monats-Vergleich mit 0,34 Prozent nahezu neutral zeigt.

Der Halbjahresbericht zeigte eine deutliche Beschleunigung: Der Auftragseingang verdoppelte sich auf 2.812 Millionen Euro von 1.405 Millionen im Vorjahreszeitraum, der Auftragsbestand kletterte auf einen Rekordwert von 10.356 Millionen Euro gegenüber zuvor 7.070 Millionen. Der Umsatz stieg um 23,6 Prozent auf 1.167 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA um 28,5 Prozent auf 137 Millionen Euro, die Marge verbesserte sich von 11,3 auf 11,8 Prozent. Das Management bestätigte die Jahresprognose, Warburg-Analyst Cohrs hält diese jedoch für konservativ und rechnet inzwischen mit 2,83 Milliarden Euro Umsatz statt der von Hensoldt genannten rund 2,75 Milliarden – bei einer EBITDA-Marge von 18,8 Prozent. Er hob das Kursziel von 91 auf 94 Euro an und bestätigte die Kaufempfehlung.

Parallel baut Hensoldt Kapazitäten aus: Gemeinsam mit Bosch entsteht nahe Stuttgart ein Entwicklungszentrum mit rund 300 Beschäftigten, zudem werden die Standorte Oberkochen, Ulm und Aalen erweitert. Chartanalysten sehen bei 91 Euro eine wichtige Widerstandszone – gelingt der Ausbruch, wäre der Weg zur Marke von 107 bis 108,90 Euro frei.

OHB SE: Rekordauftragsbestand kaschiert schwächeren Gewinn

OHB kostet aktuell 234,00 Euro und gibt heute um 1,27 Prozent nach, nach 237,00 Euro am Vortag. Die Aktie hat sich seit Jahresbeginn dennoch verdoppelt, auf Zwölfmonatssicht steht sogar ein Plus von 251,35 Prozent. Zuletzt kühlte sich die Rally spürbar ab: Auf Monatssicht liegt der Titel mit minus 16,43 Prozent klar im Minus und notiert damit fast 24 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt.

Der Halbjahresbericht zeigte anhaltendes Wachstum bei der operativen Ertragskraft: Die Gesamtleistung stieg um 11 Prozent auf 627,9 Millionen Euro, der Umsatz um 12 Prozent auf 600,1 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA um 31 Prozent auf 60,4 Millionen Euro und das bereinigte EBIT um 46 Prozent auf 38,9 Millionen Euro. Der Periodengewinn sank hingegen von 11,5 auf 4,8 Millionen Euro, das Ergebnis je Aktie fiel von 0,57 auf 0,25 Euro. Grund dafür ist unter anderem die im Frühjahr durchgeführte Kapitalerhöhung, bei der brutto bis zu 510,7 Millionen Euro zu je 300 Euro je neuer Aktie eingesammelt wurden – ein Schritt, der das Eigenkapital von 431,4 auf 915,6 Millionen Euro hievte, gleichzeitig aber die Gewinnverwässerung je Aktie erklärt.

Der Auftragsbestand wuchs im Jahresvergleich von 3,067 auf 3,304 Milliarden Euro und sichert nach Unternehmensangaben eine langfristige Kapazitätsauslastung. Strategisch expandiert OHB weiter ins Verteidigungsgeschäft: Gemeinsam mit Helsing wurde das Gemeinschaftsunternehmen KIRK gegründet, das zusammen mit Hensoldt und Kongsberg Defence & Aerospace ein weltraumgestütztes Aufklärungs- und Zielerfassungssystem entwickeln soll. Für das Gesamtjahr bestätigte das Management eine Gesamtleistung von rund 1,4 Milliarden Euro bei einer EBITDA-Marge zwischen 10,5 und 11,0 Prozent, mittelfristig sollen mehr als 4 Milliarden Euro Gesamtleistung und rund 13 Prozent Marge erreicht werden.

AeroVironment: Milliardenaufträge treffen auf juristischen Gegenwind

AeroVironment notiert bei 153,35 Euro und springt heute um 3,41 Prozent, nach 148,30 Euro am Vortag. Auf Wochensicht summiert sich der Anstieg auf 18,37 Prozent, doch seit Jahresbeginn bleibt mit minus 27,97 Prozent ein deutlicher Verlust. Vom 52-Wochen-Hoch bei 359,50 Euro ist der Titel damit weiterhin weit entfernt.

Getrieben wird die jüngste Erholung von handfesten Auftragserfolgen. Im Juli sicherte sich das Unternehmen einen 500-Millionen-Dollar-Vertrag mit der US-Armee für kommerzielle Drohnenabwehrsysteme, der über drei Jahre den Kauf gestaffelter Abwehrfähigkeiten gegen Drohnen der Kategorien 1 bis 3 ermöglicht. Parallel verhandelt die Armee mit AeroVironment über das Enduring-High-Energy-Laser-Programm – das erste offizielle Programm der Streitkräfte für eine neue Generation von Hochenergielasern gegen Luftziele, vor allem Drohnen.

Belastend wirken hingegen mehrere Sammelklagen wegen angeblicher Falschdarstellungen im Zusammenhang mit dem 1,7-Milliarden-Dollar-SCAR-Vertrag. Die Marktkapitalisierung liegt bei 9,28 Milliarden Dollar, das negative Kurs-Gewinn-Verhältnis von minus 30,94 spiegelt einen bilanziellen Nettoverlust wider, der vor allem auf Übernahmebuchhaltung zurückgeht. Operativ bleibt das Bild robust: Im Geschäftsjahr 2026 erreichte das Unternehmen ein Book-to-Bill-Verhältnis von 1,4, verbuchte Aufträge über 2,7 Milliarden Dollar und ließ den finanzierten Auftragsbestand um 65 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar anwachsen. Von 20 Analysten lautet die durchschnittliche Empfehlung „Kaufen“, das mittlere Kursziel liegt bei 225,77 Dollar, andere Erhebungen wie MarketBeat nennen sogar 266,68 Dollar.

Sektordynamik: Wo Auftragswachstum auf Bewertungsdisziplin trifft

Die Halbjahressaison zeigt ein klares Muster: Die Auftragsbücher wachsen europaweit und in den USA schneller, als sich das in Umsatz und Gewinn niederschlägt. Anleger unterscheiden zunehmend zwischen reinem Backlog-Wachstum und tatsächlicher Ergebnisumsetzung.

  • Hensoldt liefert mit dem verdoppelten Auftragseingang und dem Rekordbestand von 10,36 Milliarden Euro die stärkste Beschleunigung der Gruppe – Warburg reagierte prompt mit einer Kurszielanhebung.
  • Renk erreicht in sechs Monaten fast das Neunmonats-Niveau des Vorjahres bei den Bestellungen, doch die Kursreaktion blieb verhalten, da ein Großteil der Boom-Story bereits eingepreist scheint.
  • OHB wächst operativ kräftig, muss aber die Verwässerung aus der jüngsten Kapitalerhöhung verdauen – der fallende Gewinn je Aktie zeigt die Kehrseite der frischen Bilanzstärke.
  • DroneShield bleibt der volatilste Titel der Gruppe und pendelte binnen Wochen zwischen einem Juli-Einbruch von rund 30 Prozent und einer kräftigen August-Erholung, angetrieben von der JPMorgan-Aufstockung.
  • AeroVironment verbindet echte Auftragserfolge im Drohnenabwehr- und Lasergeschäft mit rechtlichem Gegenwind durch Aktionärsklagen und notiert weiterhin deutlich unter seinem Jahreshoch.

Rüstungsbranche zwischen Rekordaufträgen und Bewertungsfragen

Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob sich die Auftragsdynamik in nachhaltiges Margenwachstum übersetzt. Bei Hensoldt entscheidet sich an der Widerstandszone um 91 Euro, ob der Weg zu alten Höchstständen frei wird. Renk muss beweisen, dass sich das Rekordwachstum in der VMS-Sparte in weitere Margensteigerungen ummünzen lässt, während das Kugellagergeschäft konjunkturell schwächelt. OHB steht vor der Aufgabe, das frische Eigenkapital in Kapazität statt in weitere Verwässerung zu verwandeln. Bei AeroVironment rücken die Entscheidung der US-Armee zum Laserprogramm und der Ausgang der Aktionärsklagen in den Fokus. DroneShield bleibt der Wackelkandidat des Sektors – ob die Erholung seit Anfang August trägt, hängt maßgeblich davon ab, ob institutionelle Käufer wie JPMorgan ihr Engagement weiter ausbauen.