Berenberg setzt bei Avio auf deutlich höhere Erlöse mit militärischen Antrieben, obwohl der Aufbau neuer Kapazitäten zunächst Geld verschlingt. Die Analysten erhöhen heute ihre langfristigen Erwartungen und empfehlen die Aktie zum Kauf. Zugleich senken sie ihre kurzfristigen Gewinnschätzungen. Für Anleger liegt darin die zentrale Abwägung: Die Chancen durch den Raketenmotorenmangel stehen hohen Vorleistungen gegenüber.
Die Hochstufung von „Halten“ auf „Kaufen“ geht mit einem höheren Kursziel einher: Berenberg nennt jetzt 39 Euro nach zuvor 33 Euro. Die Aktie reagiert heute mit einem Plus von 5,4% auf die optimistischere Einschätzung.
Engpass eröffnet Chancen für Avio
Berenberg hält den Mangel an Feststoffraketenmotoren für strukturell. Laufende Konflikte verschärften die Knappheit zusätzlich. Große Rüstungskonzerne suchten deshalb unabhängige Lieferanten mit hoher Produktionskapazität. Avio könne dank seiner industriellen und operativen Erfahrung Marktanteile sowie zusätzliche Verteidigungsaufträge gewinnen.
Avio selbst beziffert das jährliche Defizit an Raketentreibstoff in den USA und Europa bis 2030 auf 3.400 Tonnen. Das sind 40% mehr als in der Einschätzung ein Jahr zuvor.
Der Bedarf geht aus Sicht der Analysten über das bloße Auffüllen kurzfristig geleerter Bestände hinaus. Ihre Kaufempfehlung beruht auf der Erwartung eines länger anhaltenden Kapazitätsengpasses. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, wie schnell Avio zusätzliche Produktion bereitstellen kann.
Für das US-Fiskaljahr 2027 sind rund 95 Mrd. Dollar für Raketen und Munition beantragt. Als Vergleich nennen die Berichte rund 36 Mrd. Dollar im laufenden Fiskaljahr. Die höhere Summe ist damit noch kein bewilligtes Budget.
Deutlich höhere Erwartungen für das Verteidigungsgeschäft
Für 2030 erwartet Berenberg im Geschäft mit Verteidigungsantrieben nun einen Umsatz von 532 Mio. Euro statt zuvor 312 Mio. Euro. Die Analysten setzen damit auf einen wesentlich größeren Beitrag dieser Aktivitäten.
Die optimistischere Einschätzung betrifft nicht nur den Absatz. Berenberg rechnet auch mit einer höheren Profitabilität der militärischen Antriebe. Das macht diesen Bereich zum wesentlichen Treiber der angehobenen langfristigen Prognosen.
Das bereinigte EBITDA soll im selben Prognosejahr 141 Mio. Euro erreichen. Die erwartete Marge steigt von bislang 9,5% auf 11,6%.
Damit positioniert sich Berenberg deutlich optimistischer als der Markt. Die Kaufempfehlung beruht folglich nicht nur auf einer positiven Branchensicht, sondern auch auf Erwartungen oberhalb des Analystenkonsenses.
Die Umsatzprognose für das Ende des Jahrzehnts liegt 19% über dem Konsens. Beim bereinigten EBITDA beträgt der Abstand 49%. Gegenüber der eigenen bisherigen Schätzung erhöht Berenberg die EBITDA-Erwartung um 42%.
US-Werk belastet zunächst den Geldfluss
Die geplante Fabrik in Virginia ist für diese Wachstumsperspektive entscheidend. Lockheed Martin und Raytheon haben Avio in sechs Programme eingebunden. Laut Berenberg könnten Lockheed-Programme fast die Hälfte der vorgesehenen Werksproduktion auslasten. Raytheon soll den Großteil der verbleibenden Kapazität abnehmen.
Vorgesehen sind 700 Tonnen Kapazität bei Investitionen von mehr als 500 Mio. Dollar. Die Produktion dürfte voraussichtlich nicht vor Ende 2028 beginnen.
Zwischen Nachfragechance und zusätzlichem Umsatz liegt somit eine längere Bauphase. Während dieser Zeit erwartet Berenberg einen negativen freien Cashflow. Die attraktivere langfristige Perspektive bedeutet daher ausdrücklich keine Entlastung bei den kurzfristigen Gewinnannahmen.
Die Schätzung für den Gewinn je Aktie im laufenden Jahr sinkt um 15,4%. Für das kommende Jahr beträgt die Kürzung 30,4% und für das darauffolgende Jahr 11,5%.
Der heutige Kursanstieg spiegelt damit vor allem Vertrauen in das spätere Wachstum wider. Entscheidend für die Tragfähigkeit der Kaufempfehlung ist, ob Avio den erwarteten Bedarf nach dem Kapazitätsaufbau in profitable Produktion übersetzen kann. Bis dahin bleiben Investitionsbedarf und negativer freier Cashflow die wesentlichen Gegenargumente zur langfristigen Wachstumsprognose.
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