Es gibt Rohstoffgeschichten, die klingen wie ein sicherer Gewinn: Ein Material wird knapp, die Preise steigen, der Hersteller verdient. Bei AXT und seinem Indium-Phosphid-Geschäft war genau das im August die Erzählung – und trotzdem bricht die Aktie am Freitag um 12 Prozent auf 50,76 Euro ein. Das ist die eigentliche Pointe dieser Woche: Knappheit allein trägt einen Kurs nicht mehr, wenn die Erwartungen ihr längst vorausgeeilt sind.
Zur Erinnerung, wie sich diese Erwartungen aufgebaut hatten: Ein Bericht der taiwanischen United Daily News über einen Rekordengpass bei Indium-Phosphid-Substraten ließ die Aktie Mitte August um fast 18 Prozent auf 95,97 Dollar springen.
Die Prognose dahinter war simpel und verführerisch: Preise für Wafer sollten im vierten Quartal um mehr als zehn Prozent steigen, getrieben von der unstillbaren Nachfrage nach optischen Komponenten für KI-Rechenzentren.
Wenige Tage später bestätigte eine Kursbewegung nach oben – von 65,40 auf 68,20 Dollar – diese Lesart noch einmal, diesmal befeuert durch ein bereits bekanntes Langfrist-Lieferabkommen mit Lumentum.
Die Kehrseite der Angebotsknappheit
Doch eine Verknappung ist für einen Zulieferer nicht automatisch gut. Wenn ein Material knapp wird, wächst der Anreiz für jeden Marktteilnehmer, in Kapazität zu investieren – und genau hier setzte die Gegenerzählung an.
First Principles Partners initiierte am Freitag über Seeking Alpha die Coverage von AXT mit einem „Sell“-Rating und einem fairen Wert von 45 Dollar. Die Begründung trifft den Kern des Problems: Die Bruttomarge von 44,9 Prozent im zweiten Quartal sei ein Ausreißer nach oben, kein neues Niveau.
Der Übergang der Branche zu 6-Zoll-Indium-Phosphid-Wafern verschärfe zudem den Wettbewerbsdruck auf AXT, statt ihn zu lindern. Wer die Zukunft der Lieferkette als reine Mengengeschichte erzählt, unterschätzt offenbar, wie schnell technologische Übergänge bestehende Vorteile entwerten können.
Diese Volatilität ist kein Einzelereignis. Die 30-Tage-Volatilität der Aktie liegt annualisiert bei 188 Prozent – ein Wert, der zeigt, wie sehr der Markt bei AXT derzeit zwischen zwei Erzählungen hin- und herspringt: struktureller KI-Boom auf der einen, Margen-Normalisierung auf der anderen Seite.
Wer in diesem Umfeld auf Nvidias Quartalszahlen wartete, bekam Ende letzter Woche gleich noch einen dritten Faktor: Ein branchenweiter Ausverkauf bei Halbleiter- und Hardware-Werten drückte AXT parallel zu Wettbewerbern nach unten, unabhängig vom Indium-Phosphid-Narrativ.
Institutionelles Geld bleibt gespalten
Interessant ist, wer in dieser Gemengelage einsteigt. BlackRock meldete Ende August eine neu aufgebaute Position von 5,07 Millionen AXT-Aktien, entsprechend 7,75 Prozent des Unternehmens – ein Volumen, das kaum als kurzfristige Wette zu lesen ist.
Auch Ratan Capital Management stieg im zweiten Quartal mit 50.000 Aktien ein, wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab. Diese Zuflüsse stehen im Kontrast zur Skepsis der Analysten und zeigen: Selbst unter professionellen Investoren gibt es keinen Konsens darüber, ob die Story noch trägt oder bereits ausgereizt ist.
Was folgt daraus für die Einordnung der Aktie? Der Kurs notiert derzeit 9,6 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 56,13 Euro – ein Zeichen, dass die kurzfristige Dynamik gekippt ist, während das übergeordnete Bild seit Jahresbeginn mit einem Plus von 298 Prozent immer noch von der ursprünglichen KI-Optik-Euphorie geprägt bleibt.
Genau in dieser Spanne zwischen struktureller Story und taktischer Ernüchterung bewegt sich AXT gerade: Die Nachfrage nach optischen Komponenten für Rechenzentren ist real, aber die Frage, wer von der Wertschöpfung tatsächlich profitiert, ist noch nicht entschieden.
Am 10. September wird das Management auf der B. Riley Securities Consumer & TMT Conference in New York auftreten, am 21. September folgt der Morgan Stanley ASIA Best Corporate Day – zwei Termine, die zeigen dürften, wie das Unternehmen selbst die Margendebatte einordnet.
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