Bayer ist kein einfacher Fall. Aber es ist auch kein hoffnungsloser. Wer die Aktie gerade beobachtet, sieht zwei Geschichten gleichzeitig: eine Pharma-Pipeline, die endlich Substanz gewinnt — und eine Rechtslage, die jeden operativen Fortschritt überschattet.

Asundexian: Vom Versprechen zur Realität

Der wichtigste Zug auf dem Pharma-Schachbrett ist Asundexian. Die Europäische Arzneimittelagentur prüft den Zulassungsantrag für das neue Schlaganfallpräparat — die Einreichung ist vollständig, das zentrale Bewertungsverfahren läuft. Es ist nach Bayer-Angaben der erste Antrag für einen Faktor-XIa-Inhibitor in Europa überhaupt.

Die klinische Grundlage ist solide. Die Phase-III-Studie OCEANIC-STROKE zeigte, dass Asundexian das Risiko eines erneuten Schlaganfalls um 26 Prozent gegenüber Placebo senkt. Parallel hat Bayer Anträge in den USA und China gestellt. Beide Behörden gewährten Priority Review — ein klares Signal, dass sie den medizinischen Bedarf als hoch einschätzen.

Warum ist das so entscheidend? Xarelto, bislang Bayers wichtigster Gerinnungshemmer, verliert seinen Patentschutz. Die Erlöse aus diesem Produkt brachen 2025 bereits um ein Drittel auf 2,6 Milliarden US-Dollar ein. Asundexian soll diese Lücke füllen. Regulatorisch ist Bayer dabei Bristol Myers Squibb und Johnson & Johnson voraus, die mit Milvexian einen direkten Konkurrenten entwickeln. Die Pipeline-Story ist keine Hoffnung mehr — sie ist Realität im Zulassungsverfahren.

China: Innovationsquelle, nicht nur Absatzmarkt

Weniger beachtet, aber strategisch bemerkenswert: Bayer Consumer Health hat sein zweites China Center of Innovation and Partnership in der Provinz Shandong eröffnet. Innovationen, die dort entstehen, sollen Märkte in Australien und dem asiatisch-pazifischen Raum erreichen. China ist für Bayer längst mehr als ein Absatzmarkt — der Konzern erzielt dort rund 3,5 Milliarden Euro Umsatz jährlich und nutzt das Land zunehmend als Innovationsdrehscheibe für die globale Pipeline.

Operativ besser, finanziell belastet

Die Quartalszahlen des ersten Quartals 2026 zeigen das Dilemma klar. Die Konzernumsätze stiegen währungs- und portfoliobereinigt um 4,1 Prozent auf 13,4 Milliarden Euro. Das EBITDA vor Sondereinflüssen legte um 9,0 Prozent zu. Soweit so gut.

Dann kommen die Rechtskosten. Allein im ersten Quartal flossen netto 2,0 Milliarden Euro für PCB- und Glyphosat-Klagen ab. Die Nettofinanzverschuldung lag Ende März bei 32,5 Milliarden Euro. Der operative Fortschritt existiert — er wird nur systematisch aufgefressen.

Hinzu kommt Druck von Investorenseite, der über die Rechtsfragen hinausgeht. Einige Aktionäre drängen auf eine ergebnisoffene Prüfung der Konzernstruktur. Eine Abspaltung der Consumer-Health-Sparte steht im Raum.

Der Kurs spiegelt die Unsicherheit

Die Bayer-Aktie notiert aktuell bei 37,76 Euro — ein Wochenplus von gut fünf Prozent, und knapp oberhalb des 200-Tage-Durchschnitts bei 36,17 Euro. Das 52-Wochen-Hoch von 49,93 Euro liegt noch rund 24 Prozent entfernt. Der Markt preist erhebliche Unsicherheit ein. Kein Wunder.

Die Aktie dürfte in den kommenden Wochen stark von Rechtsmeldungen getrieben werden. Unabhängig vom Glyphosat-Vergleich steht noch eine Entscheidung des US Supreme Court aus. Sie soll klären, ob Bundesrecht zu Warnhinweisen das Bundesstaatsrecht überlagert — und wird gegen Ende des Monats erwartet. Das ist der eigentliche Taktgeber für den Kurs.

Der Aufsichtsrat hat den Vertrag von CEO Bill Anderson bis März 2029 verlängert. Das spricht für Kontinuität. Nubeqa und Kerendia liefern signifikante Zuwächse. Bayer hat 2025 Marktzulassungen für Beyonttra und Lynkuet erhalten. Die Pharma-Story verdichtet sich.

Wer auf Bayer setzt, setzt auf eine These, die operativ und pharmakologisch zunehmend trägt — aber noch immer durch Rechtsunsicherheiten überschattet wird. Die Pipeline ist real. Der Weg zur vollen Neubewertung führt über den Gerichtssaal.