An der Börse wird Bayer derzeit fast nur als Prozessgeschichte erzählt: ein neuer Roundup-Prozess in Missouri und ein Sammelvergleich, der in St. Louis auf seine Genehmigung wartet.

Darunter laufen eine Pharma-Sparte im Patentwechsel, die FDA-Prüfung für Kerendia und ein Management, das seit 2023 Schuldenabbau vor Ausschüttung stellt. Wie viel davon im Bewertungsabschlag steckt, haben wir Andreas Sommer gefragt, der Bayer vor allem daran misst, wohin das Geld fließt.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 13.04.2026 bis 08.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 08.10.2026.

Bayer (DE000BAY0017) — Schlusskurse 13.04.2026 bis 08.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 08.10.2026.

Trading-Treff Redaktion: Die Summe der Teile kommt auf knapp 70 Milliarden Euro Eigenkapitalwert, deutlich mehr, als die Börse für den Konzern zahlt. Wie viel von dieser Substanz würden Sie tatsächlich anfassen?

Andreas Sommer: Weniger, als die Rechnung suggeriert. Eine Summe der Teile bewertet Saatgut, Pflanzenschutz und Pharma so, als könnte man sie morgen einzeln verkaufen. Kann man nicht. Zwischen den Segmenten und dem Aktionär stehen die Rechtsrisiken aus Glyphosat, PCB und Dicamba, und die sind in der Bilanz nur teilweise abgebildet.

Die Rückstellungen wurden auf 11,8 Milliarden Euro aufgestockt, davon 9,6 Milliarden für Glyphosat. Ob das reicht, weiß heute niemand, der Vorstand eingeschlossen. Anfassen würde ich das Agrargeschäft. Mit Syngenta als einzigem wirklich ebenbürtigem Gegner und den patentierten Trait-Technologien ist das ein Oligopol, das ich ernst nehme.

Pharma ist dagegen ein Geschäft mit Verfallsdatum: Das Xarelto-Dosierungspatent ist seit Januar ausgelaufen, bei Eylea drohen ab dem vierten Quartal Biosimilars in den USA. Den Abschlag halte ich deshalb für weitgehend verdient. Ein Teil davon ist allerdings reine Angst, und die lösen Gerichte schneller auf als Umsätze.

Trading-Treff Redaktion: Bill Anderson hat die Dividende auf das gesetzliche Minimum von 0,11 Euro gekürzt, kauft keine Aktien zurück und baut Schulden ab. Ist das nicht genau die Disziplin, die Sie sonst einfordern?

Andreas Sommer: Geschenkt, das ist diszipliniert. Es war auch alternativlos, bei einer Verschuldung, mit der Bayer im Grenzbereich des Investment Grade steht. Mir fehlt ein anderes Signal. Ich will sehen, dass die Leute an der Spitze selbst glauben, was sie über den Wert ihrer Teile erzählen.

Im Recherchefenster finde ich keine meldepflichtigen Vorstandskäufe mit belastbaren Werten, auch keine auffälligen Verkäufe. Gar nichts. Formal ist das neutral. Bei einem Konzern, der sich als deutlich unterbewertet versteht, werte ich Schweigen eher als ausbleibende Bestätigung. Die Vertragsverlängerung bis 2029 zeigt das Vertrauen des Aufsichtsrats.

Mit eigenem Geld des Managements ist sie nicht unterlegt. Und jetzt die gemeldeten 2,2 Milliarden für ein Werk in Ohio: Investieren ist richtig, nur wandert das Geld in Beton, während der Aktionär weiter auf Ausschüttung verzichtet. Andersons Kapitalplan ist bis heute ein Verteidigungsplan.

Trading-Treff Redaktion: In Missouri prüft ein Gericht gerade, ob Klagen wegen Produktdesign und Fahrlässigkeit trotz des Supreme-Court-Urteils weiterlaufen können. Rund 65.000 Fälle sind noch offen. Droht hier der Dammbruch?

Andreas Sommer: Er kann einer werden, und das macht mich nervös. Der Sieg vor dem obersten Gericht hat eine Tür geschlossen, die Kläger suchen jetzt die nächste. Solange dieser Prozess läuft, traue ich keiner Rechnung, die das Thema für erledigt erklärt.

Trading-Treff Redaktion: Sie sagen, Andersons Kapitalplan sei „bis heute ein Verteidigungsplan“. Wann wird daraus etwas anderes, und woran sähen Sie das zuerst?

Andreas Sommer: Am Gericht in St. Louis. Dort wartet der Sammelvergleich über 7,25 Milliarden Dollar auf die Genehmigung. Erst wenn die vorliegt, wird aus einem großen Teil der Haftung ein bezifferter Betrag statt einer offenen Wette. Und erst dann hat der Vorstand überhaupt Luft, über Dividende oder Rückkäufe nachzudenken. Ich setze mir eine harte Frist: die Zahlen zum vierten Quartal.

Liegt bis dahin keine Genehmigung vor, muss ich umdenken. Dann ist mein Auslöser weg, und übrig bleibt ein Prozess-Papier mit Pharma-Klippe. Das dritte Quartal wird übrigens wenig klären. Im Agrargeschäft verschieben sich Umsätze zeitlich, ein großes US-Haus hat die Erwartungen bereits gedämpft. Eine schwache Zahl dort halte ich für Rauschen.

Trading-Treff Redaktion: Ihr faires Niveau deckt sich mit dem Median-Kursziel von sieben Häusern. Wo liegt da Ihr eigener Beitrag, wenn Sie am Ende beim Konsens landen?

Andreas Sommer: Dass zwei Rechnungen bei derselben Zahl ankommen, beweist noch kein Abschreiben. Wenn Sie meinen, meine 61 Euro seien geliehen, zeigen Sie mir den Baustein, der darin falsch ist. Mein Weg dorthin ist ein anderer.

Wer das Ziel über das bereinigte Ergebnis je Aktie begründet, das Bayer für 2026 mit 4,20 bis 4,70 Euro angibt, tut so, als würde der Gewinn den Kurs ziehen. Ich halte die Reihenfolge für entscheidend: zuerst die Genehmigung, dann Freiheit bei der Mittelverwendung, dann die Neubewertung.

Beim Zeitpunkt ist der Konsens mir zu entspannt. Kerendia ändert daran wenig. Die FDA hat den Antrag für Nierenpatienten ohne Diabetes auf Basis der FIND-CKD-Studie angenommen, das ist ein ordentlicher Schritt. Angenommen heißt allerdings noch nicht zugelassen, und den Xarelto-Verlust gleicht das so schnell nicht aus.

Trading-Treff Redaktion: Sie knüpfen alles an die Genehmigung des Vergleichs in St. Louis bis zu den Zahlen zum vierten Quartal. Ist Bayer für Sie damit eine Wette auf ein einziges Gericht, und trägt das Ihr Urteil?

Andreas Sommer: Ja, für die nächsten zwei bis drei Quartale ist es genau das, und ich sage das ohne Verlegenheit. Das Agrar-Oligopol gibt dem Ganzen einen Boden, Pharma liefert eher Gegenwind. Das Management hat aufgeräumt, aber noch nichts gezeigt, wofür man es bezahlen müsste.

Am höchsten gewichte ich den Missouri-Prozess, höher als jede Patentklippe, weil er den Vergleich im Nachhinein entwerten könnte. Die Chance ist da, falls St. Louis rechtzeitig zustimmt. Was mich bis dahin am meisten stört, ist die Stille aus dem Vorstand, wenn es um eigenes Geld geht.