Die Pharmafortschritte verändern die Bewertungsfrage
Für Bayer-Anleger entscheidet sich jetzt, ob die jüngsten Medikamentenerfolge eine belastbare Grundlage für neues Wachstum schaffen. Die gestern veröffentlichten Nubeqa-Studiendaten und die chinesische Zulassung von Asundexian stärken diese Aussicht. Sie beseitigen aber weder die Unsicherheit über künftige Erlöse noch den Druck durch auslaufende Patente.
Die Aktie gewann gestern 3,9% und schloss bei 45,65 €. Damit honorierte der Markt die Fortschritte bereits deutlich. Für die weitere Bewertung zählt deshalb weniger die positive Nachricht selbst als deren mögliche wirtschaftliche Reichweite.
Die Entscheidung für Anleger lautet somit: Wie viel Vertrauen verdient die Aussicht, dass neue Einsatzgebiete und Zulassungen die Umsatzverluste etablierter Medikamente ausgleichen? Nubeqa und Asundexian liefern dafür unterschiedliche Belege. Beim Krebsmedikament geht es um eine mögliche Erweiterung des Patientenkreises. Beim Gerinnungshemmer ist in China bereits eine Zulassung erfolgt; weitere Behördenentscheidungen stehen noch aus.
Der erreichbare Patientenkreis wird zum Maßstab
Der entscheidende Faktor ist der zusätzliche Umsatz, den Bayer aus den neuen Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich erschließen kann. Dafür sind die klinischen Ergebnisse eine Voraussetzung, aber noch kein Absatznachweis. Besonders wichtig ist die Frage, wie groß der medizinisch geeignete und wirtschaftlich erreichbare Patientenkreis wird.
In der Phase-III-Studie DASL-HiCaP verringerte Nubeqa zusätzlich zu Hormonentzug und Bestrahlung das Risiko für Metastasen oder Tod gegenüber Placebo um 58%. Die mediane Nachbeobachtung betrug 3,8 Jahre. An der Studie nahmen 1.106 Patienten mit lokalisiertem Prostatakrebs und sehr hohem Rückfallrisiko teil.
Das ist ein deutlicher Wirksamkeitsbeleg für die untersuchte Kombination. Beim Gesamtüberleben gibt es bislang jedoch nur einen positiven Trend, keine belastbaren Ergebnisse. Neue Sicherheitsprobleme wurden nicht beobachtet. Die weitere Nachbeobachtung bleibt deshalb wichtig, um den längerfristigen Nutzen genauer einzuordnen.
Für die DASL-HiCaP-Zielpopulation werden etwa 145.000 Patienten genannt. Bayer betrachtet dabei nur die Hochrisikogruppe als erreichbar. Nubeqa wurde weltweit bereits bei rund 123.000 Patienten eingesetzt. Diese Größen zeigen die mögliche Reichweite, dürfen aber nicht mit künftig sicher behandelten Patienten gleichgesetzt werden.
Nubeqa könnte die Erlösperspektive deutlich anheben
Im günstigen Szenario übersetzt Bayer die klinischen Fortschritte in einen breiteren Einsatz von Nubeqa. Das würde die wirtschaftliche Bedeutung des Präparats erhöhen und die Pharmasparte gegenüber den Patentabläufen anderer Medikamente widerstandsfähiger machen. Asundexian könnte parallel einen weiteren Wachstumsbeitrag liefern.
BofA-Analyst Sachin Jain sieht für Nubeqa ein hohes einstelliges Milliarden-Umsatzpotenzial und bestätigte die Kaufempfehlung für Bayer. Der Konsens zum Spitzenumsatz liegt bei etwa 5,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Xarelto erreichte einen Spitzenumsatz von 4,7 Milliarden Euro.
Die optimistische These beruht damit nicht nur auf einem Ersatz bestehender Erlöse. Sie setzt darauf, dass Nubeqa zu einem größeren Umsatzträger heranwächst. Das ist eine Prognose, keine bereits erreichte Entwicklung.
JPMorgan hält durch die neuen Nubeqa-Daten zusätzliche Spitzenerlöse von einer Milliarde Euro für möglich. Jain erwartet für Bayers Pharmasparte von 2027 bis 2032 ein hohes einstelliges Umsatzwachstum. Beide Einschätzungen verdeutlichen, weshalb eine erfolgreiche Ausweitung des Einsatzgebiets für die Bewertung relevant wäre.
Die Patentlücke verschwindet nicht durch Studiendaten
Das ernsthafte Gegenargument ist der zeitliche und wirtschaftliche Abstand zwischen medizinischem Erfolg und tatsächlich erzieltem Umsatz. Xarelto und Eylea stehen durch Patentabläufe unter Generikakonkurrenz. Neue Medikamente müssten diesen Druck erst ausgleichen, bevor daraus verlässlich zusätzliches Wachstum entsteht.
Auch Nubeqa besitzt keinen unbegrenzten Schutz: Der US-Patentablauf wird für 2033 genannt. Hohe Spitzenumsatzschätzungen allein beantworten daher nicht, wie schnell Bayer zusätzliche Erlöse erreichen kann und wie lange diese geschützt bleiben.
Bei Asundexian ist zudem eine klare Trennung der Einsatzgebiete nötig. Die chinesische Zulassung betrifft die Prävention weiterer Schlaganfälle nach einem nicht-kardioembolischen ischämischen Schlaganfall oder einer Hochrisiko-TIA. Eine frühere Phase-III-Studie bei Patienten mit Vorhofflimmern und Schlaganfallrisiko hatte Bayer nach einem Misserfolg vorzeitig beendet.
In der Schlaganfallpräventionsstudie zeigte sich laut dpa-AFX keine höhere Rate schwerer Blutungen als unter Placebo. Die Zulassung in China hebt den früheren Fehlschlag nicht auf, sondern betrifft eine andere Patientengruppe.
Die nächste Zulassungsentscheidung wird richtungsweisend
Solange weitere klinische Ergebnisse und Zulassungen die breitere Nutzung der Medikamente stützen, bleibt die Aussicht auf einen stärkeren Wachstumsausgleich plausibel. Enttäuschen dagegen Behördenentscheidungen oder spätere Wirksamkeitsdaten, würde die Lücke zwischen Umsatzhoffnung und gesichertem Geschäft stärker ins Gewicht fallen.
Der nächste konkrete Katalysator ist die US-Entscheidung zu Asundexian. Nach Angaben von dpa-AFX läuft ein beschleunigtes Zulassungsverfahren; das Ergebnis wurde zeitnah erwartet. Ein bestätigtes Entscheidungsdatum ist damit nicht verbunden. Die Zulassung in China ist vollzogen, eine entsprechende US-Zulassung dagegen noch nicht.
Bei Nubeqa werden außerdem die ARASTEP-Ergebnisse für 2027 erwartet. Das damit adressierte zusätzliche Patientenpotenzial wird auf rund 86.000 beziffert. Für Anleger wird entscheidend sein, ob weitere Daten die Wachstumserwartungen verbreitern — oder ob die jüngsten Erfolge wirtschaftlich hinter den bereits gestiegenen Hoffnungen zurückbleiben.
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