Ausgangslage

Bayer hat seine Quartalszahlen bereits Anfang August vorgelegt, die Wirkung reicht jedoch weit in die kommenden Monate. Der Konzernumsatz stieg im zweiten Quartal währungs- und portfoliobereinigt um 2,2 Prozent auf 10,872 Milliarden Euro, das bereinigte EBITDA legte um 1,9 Prozent auf 2,144 Milliarden Euro zu.

Der Konzern bestätigte daraufhin seine Jahresprognose für 2026. Für Anleger ist das die eigentliche Kernbotschaft: Trotz laufender Rechtsstreitigkeiten und einer hohen Nettofinanzverschuldung von 33,647 Milliarden Euro zum 30. Juni bleibt das operative Geschäft auf Kurs.

Der Aktienkurs notiert mit 48,32 Euro rund 10 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 53,86 Euro – nach einem Anstieg von 31 Prozent seit Jahresbeginn ist das eine moderate Verschnaufpause, keine Trendwende.

Die kommenden Wochen entscheiden, ob die operative Stärke aus Crop Science ausreicht, um Schwächen im Pharma-Geschäft und die Rechtsrisiken zu kompensieren. Der nächste Pflichttermin, an dem sich das zeigen muss, ist der 3. November mit den Zahlen zum dritten Quartal.

Die entscheidende Frage

Kann die Sparte Crop Science ihre Dynamik durchhalten und damit die schwächelnde Pharmasparte tragen? Im zweiten Quartal legte das bereinigte Ergebnis von Crop Science um 30,2 Prozent zu, getrieben von höheren Erlösen und gesunkenen Herstellkosten. Consumer Health verzeichnete ein Minus von 3,6 Prozent, bedingt durch höhere Vermarktungsausgaben für neue Medikamente.

Gleichzeitig fiel das Core Earnings per Share um 16,7 Prozent auf 0,95 Euro. Ob Bayer diese Schere schließen kann, ohne die Verschuldung weiter zu belasten, ist die zentrale Kennzahl für die zweite Jahreshälfte – wichtiger für die operative Substanz als jede einzelne Rechtsstreit-Meldung.

Bullisches Szenario

Setzt sich die Erholung bei Crop Science fort, könnte Bayer die Prognose für 2026 nicht nur bestätigen, sondern im weiteren Jahresverlauf übertreffen.

Rückenwind gibt auch die Pharma-Pipeline: Die britische Arzneimittelbehörde MHRA genehmigte Kerendia (Finerenon) im April für die Behandlung symptomatischer chronischer Herzinsuffizienz bei Erwachsenen mit einer Ejektionsfraktion von mindestens 40 Prozent – nach der chinesischen Zulassung im Mai ein weiterer Baustein für internationales Wachstum.

Sollten sich die Vermarktungskosten neuer Präparate mittelfristig in höheren Erlösen niederschlagen, könnte die Pharmasparte ihre Schwächephase überwinden.

Auf der juristischen Seite hatte der US Supreme Court im Juni zugunsten Bayer entschieden: Bundesvorgaben zur Glyphosat-Zulassung haben Vorrang vor Bundesstaatenrecht, was Tausenden Klagen wegen fehlender Krebswarnhinweise die Grundlage entzieht. Dieses Urteil stützt indirekt auch den anstehenden Sammelvergleich.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt in der Kombination aus hoher Verschuldung und offenen Rechtsfragen. Die Nettofinanzverschuldung stieg zum 30. Juni gegenüber dem Vorquartal um 3,5 Prozent – jeder zusätzliche Sonderaufwand aus Rechtsstreitigkeiten, wie die 172 Millionen Euro im zweiten Quartal, schränkt den finanziellen Spielraum weiter ein.

Die gerichtliche Anhörung zur endgültigen Genehmigung des Glyphosat-Sammelvergleichs, der ein Volumen von bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar über maximal 21 Jahre umfasst, wurde am Donnerstag auf den 14. September verschoben. Grund ist die Notwendigkeit, Opt-out-Widerrufsanträge nach dem Supreme-Court-Urteil zu bearbeiten und die Gültigkeit einzelner Ausstiegserklärungen vorab zu klären.

Bis zur Anhörung bleibt der Vergleich damit rechtlich in der Schwebe – ein Etappenschritt, kein Abschluss. Fällt die Genehmigung im September nicht wie geplant, drohen neue Verzögerungen und zusätzliche Unsicherheit für die Bilanz. Auch das schwache Core Earnings per Share zeigt, dass die Ertragskraft je Aktie trotz Umsatzwachstums unter Druck steht.

Ausblick

Solange Crop Science seine Wachstumsdynamik hält und die Nettoverschuldung nicht weiter eskaliert, bleibt die bestätigte Jahresprognose für 2026 glaubwürdig – dann dürfte sich der Fokus der Anleger zunehmend auf die Pharma-Pipeline und neue Zulassungen wie Kerendia verschieben.

Kippt jedoch die Genehmigung des Glyphosat-Vergleichs am 14. September oder verzögert sich der Prozess erneut, dürfte die Unsicherheit über die tatsächliche Rechtslast zurückkehren und die Bilanzsorgen verschärfen.

Der nächste harte Datenpunkt zur operativen Entwicklung folgt mit den Q3-Zahlen am 3. November – bis dahin bleibt die Frage offen, ob Crop Science die Schwächen bei Pharmaceuticals dauerhaft ausgleichen kann.