Ausgangslage
Bayer sammelt in diesen Wochen einen regulatorischen Erfolg nach dem anderen im Pharmageschäft. Am Freitag wies das US-Berufungsgericht des achten Bezirks einen Einspruch gegen den 7,25-Milliarden-Dollar-Vergleich im Roundup-Streit ab und beließ die Zuständigkeit bei einem Gericht in Missouri.
Fast gleichzeitig reichte der Konzern in Japan den Zulassungsantrag für Kerendia (Finerenon) bei nichtdiabetischer chronischer Nierenerkrankung ein, gestützt auf positive Daten der Phase-III-Studie FIND-CKD. Erst wenige Tage zuvor hatte Bayer in Japan bereits die Marktzulassung für Hyrnuo (Sevabertinib) bei HER2-mutiertem Lungenkrebs erhalten.
Diese Häufung zählt jetzt deshalb, weil sie zeigt, wohin sich das Bewertungsargument für die Aktie verschiebt: weg von der reinen Glyphosat-Entlastung, hin zur Frage, ob die Pharma-Pipeline tatsächlich das Umsatzloch stopfen kann, das mit dem Patentablauf älterer Blockbuster droht.
Die Aktie notiert bei 48,66 Euro und damit rund 18 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 41,29 Euro – ein Zeichen, dass der Markt diesen Wandel bereits einpreist.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor für die kommenden Quartale ist die Umsatzdynamik von Kerendia. Im zweiten Quartal 2026 setzte das Präparat 329 Millionen Euro um, ein Plus von 80 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Bayer bekräftigte die Prognose, im Gesamtjahr die Marke von einer Milliarde Euro zu überschreiten. Damit steht Kerendia im Zentrum der Frage, ob Bayer seine Pharmasparte von einem Nischengeschäft zu einem zweiten tragenden Standbein neben Consumer Health und Crop Science ausbauen kann.
Anleger sollten diese Wachstumsrate nicht isoliert betrachten, sondern als Test dafür, ob sich das Muster in den kommenden Berichtsquartalen fortsetzt. Nur wenn die Zulassungserfolge in Japan – für Kerendia beantragt, für Hyrnuo bereits erteilt – sich auch in weiteren Märkten wiederholen und in Umsatz übersetzen, rechtfertigt sich eine strukturelle Neubewertung der Aktie über die reine Rechtsrisiko-Entlastung hinaus.
Bullisches Szenario
Setzt sich das Wachstumstempo von Kerendia fort und wird die Zulassung in Japan tatsächlich erteilt, würde Bayer einen dritten regulatorisch validierten Wachstumstreiber neben Hyrnuo und dem laufenden Glyphosat-Deleveraging etablieren.
Der Supreme Court hatte bereits Anfang Juli zugunsten von Bayer im Streit um Krebswarnhinweise auf Glyphosat-Produkten entschieden – ein Baustein, der zusammen mit dem nun bestätigten Vergleichsrahmen die Rechtsunsicherheit schrittweise reduziert.
Fällt zusätzlich die Genehmigungsanhörung zum Sammelvergleich am 14. September positiv aus, könnte der Markt die freiwerdende Kapitaldisziplin honorieren und stärker auf die Pharma-Story fokussieren. Das robuste Agrargeschäft, das bei Maisherbiziden und im Saatgutmarkt laut Unternehmensangaben die Marktführerschaft behält, würde in diesem Szenario als Cashflow-Stabilisator im Hintergrund wirken, ohne selbst Kurstreiber zu sein.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt darin, dass die Anhörung am 14. September lediglich ein Verfahrensschritt ist – kein Etappensieg im rechtlichen Sinne. Eine endgültige Genehmigung des Vergleichs ist keineswegs sicher, und weitere Einsprüche oder Verzögerungen könnten die Rechtsunsicherheit erneut verlängern.
Zudem bleibt offen, ob sich das hohe Wachstumstempo von Kerendia halten lässt, sobald die Vergleichsbasis größer wird – ein Umsatzsprung von 80 Prozent aus niedrigem Ausgangsniveau ist leichter zu erzielen als eine Fortsetzung in absoluten Zahlen.
Sollte die japanische Zulassungsbehörde zusätzliche Daten anfordern oder sich die Prüfung verzögern, würde sich der Zeitplan für den Milliardenumsatz von Kerendia verschieben.
Charttechnisch notiert die Aktie mit einem RSI von 53,5 neutral, aber der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 53,86 Euro beträgt derzeit rund 9,7 Prozent – ein Hinweis, dass ein Teil der positiven Nachrichtenlage bereits eingepreist wurde und Rückschläge entsprechend Reaktionspotenzial hätten.
Ausblick
Solange die regulatorischen Zulassungserfolge in Japan Bestand haben und Kerendia sein Wachstumstempo hält, bleibt das Argument für eine strukturelle Aufwertung der Pharmasparte intakt. Kippt hingegen die Anhörung am 14. September in Missouri unerwartet oder verzögert sich die japanische Prüfung für Kerendia, dürfte der Markt die Risikoprämie für Bayer rasch wieder anheben.
Der nächste konkrete Prüfstein ist damit klar terminiert: die Anhörung zur endgültigen Genehmigung des Glyphosat-Sammelvergleichs am 14. September. Bis dahin bleibt die Aktie ein Balanceakt zwischen Rechtsrisiko-Entlastung und Pharma-Wachstumsstory.
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