Mainz ist an diesem Dienstag ein Ort mit zwei Zeitachsen. Die eine reicht bis 2028, wenn belastbare Daten zum Krebs-Antikörper pumitamig erwartet werden. Die andere beginnt schon am 1. Februar 2027, wenn Guido Oelkers das Ruder von Ugur Sahin übernimmt. Dazwischen liegt ein Konzern, der beweisen muss, dass er mehr kann als Corona-Impfstoffe – und der Markt schaut genau hin.
Die eigentliche Nachricht der vergangenen Tage kommt aus Seoul. Auf der IASLC-Weltkonferenz für Lungenkrebs präsentierte BioNTech aktualisierte Daten zu gotistobart, entwickelt gemeinsam mit OncoC4. In der Phase-3-Studie PRESERVE-003 überlebten Patienten mit fortgeschrittenem, metastasiertem Plattenepithelkarzinom der Lunge im Median 18,5 Monate – gegenüber 10,0 Monaten unter Standard-Chemotherapie. Das sind Patienten, deren Krankheit bereits auf Immuntherapie und Chemotherapie fortgeschritten war, also eine besonders schwer behandelbare Gruppe. Solche Zahlen sind der Stoff, aus dem in der Onkologie echte Hoffnung entsteht.
Und sie zeigen, worauf BioNTechs gesamte Neuausrichtung zielt: weg vom Impfstoff-Einmalgeschäft, hin zu einer breiten Onkologie-Pipeline. Neben gotistobart präsentierte das Unternehmen in Seoul auch erste globale Daten zur Kombination von pumitamig mit dem Antikörper-Wirkstoff-Konjugat elfetabart drozuntecan bei kleinzelligem und nicht-kleinzelligem Lungenkrebs. Es ist ein Muster, das sich durch die gesamte Strategie zieht: mehrere Wirkprinzipien gleichzeitig testen, in der Hoffnung, dass wenigstens eines davon den nächsten Blockbuster liefert.
Ein Wechsel an der Spitze mit langem Vorlauf
Der zweite große Handlungsstrang betrifft die Führung. BioNTech hatte bereits Anfang August verkündet, dass Guido Oelkers zum 1. Februar 2027 CEO wird. Die Mitgründer Sahin und Özlem Türeci sollen bis Ende 2026 in eine neue, eigene Gesellschaft wechseln.
Für ein Unternehmen, das seine Identität seit der Gründung eng mit dem Gründerpaar verknüpft hat, ist das ein Einschnitt – auch wenn der Übergang mit anderthalb Jahren Vorlauf ungewöhnlich sanft gestaltet ist.
In dieses Bild passt eine Randnotiz, die dennoch Aufmerksamkeit verdient: Sahin verkaufte am 3. September Aktien im Rahmen eines vorab festgelegten Handelsplans nach Rule 10b5-1. Solche automatisierten Verkaufspläne sagen für sich genommen wenig über die Einschätzung des Managements zur Aktie aus – sie werden oft Monate im Voraus festgelegt. Dennoch fällt der Zeitpunkt auf, kurz bevor der Führungswechsel öffentlich an Kontur gewinnt.
Der Kurs bewegt sich im Rhythmus der Erwartungen
An der Börse hinterließ das alles gemischte Spuren. Am Montag legte die Aktie um 2,4 Prozent zu und schloss bei 85,65 Euro – eine Reaktion, die zeitlich zu den positiven Lungenkrebs-Daten passt.
Auf Monatssicht steht ein Plus von 8,2 Prozent, während der Titel binnen zwölf Monaten nur moderat um 2,9 Prozent zulegte. Zum 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro aus dem Januar fehlen der Aktie derzeit rund 19 Prozent, zum Jahrestief von 68,35 Euro im März hat sie sich um ein Viertel entfernt.
Diese Diskrepanz erzählt die eigentliche Geschichte des Jahres: Eine Aktie, die zwischen zwei Erzählungen hin- und herpendelt. Auf der einen Seite die schrumpfenden Impfstoffumsätze, die BioNTech im August zu einer gesenkten Jahresprognose zwangen. Auf der anderen Seite die onkologische Pipeline, die mit Daten wie jenen aus Seoul für Fantasie sorgt, aber erst in Jahren – nicht Quartalen – ihren kommerziellen Beweis antreten muss.
Bemerkenswert ist, dass sich die Analystenmeinungen zuletzt genau entlang dieser Bruchlinie sortierten. Anfang September senkte BMO Capital sein Kursziel und stufte die Aktie herab, mit Verweis auf eine schneller als erwartete Erosion des Comirnaty-Geschäfts und fehlende „De-Risking“-Daten zu pumitamig vor 2028. Ende August reduzierte auch Canaccord sein Kursziel leicht, beließ die Einstufung aber auf Kaufen.
Die Spanne der Einschätzungen spiegelt exakt jene Wette wider, vor der auch Anleger stehen: Wiegt die onkologische Zukunftsfantasie schwerer als die Gegenwart schrumpfender Impfstofferlöse?
Am 3. November, wenn BioNTech seine Zahlen für das dritte Quartal vorlegt, dürfte sich zeigen, wie belastbar die gesenkte Umsatzprognose von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro tatsächlich ist. Bis dahin bleibt die Aktie das, was sie in diesem Jahr schon war: ein Test dafür, wie viel Geduld der Markt für ein Pharmaunternehmen im Umbau aufbringt.
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