BioNTech hat am Dienstag ein durchwachsenes zweites Quartal vorgelegt und gleichzeitig einen historischen Umbruch an der Unternehmensspitze bestätigt. Der Umsatz brach von 260,8 Millionen Euro im Vorjahresquartal auf 105,6 Millionen Euro ein, unter dem Strich stand ein Nettoverlust von 820,8 Millionen Euro. Bereinigt belief sich der Fehlbetrag auf 562,3 Millionen Euro, der Verlust je Aktie lag bei 3,24 Euro, bereinigt bei 2,22 Euro. Zum Vergleichsquartal des Vorjahres trug eine einmalige Ausgleichszahlung von Pfizer bei, die aus dem Ausstieg aus einem gemeinsamen Impfstoffprogramm gegen Gürtelrose resultierte – ein Effekt, der in diesem Jahr fehlte und den Rückgang zusätzlich verschärfte.
Prognose gekappt, Kasse bleibt prall gefüllt
Als Konsequenz aus dem schwachen Geschäftsverlauf senkte das Mainzer Unternehmen seine Umsatzprognose für das Gesamtjahr auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro, nachdem zuvor 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro in Aussicht gestellt worden waren. Auch die bereinigte Forschungs- und Entwicklungsguidance fiel auf 2,0 bis 2,3 Milliarden Euro, während die Vertriebs- und Verwaltungskosten mit 700 bis 800 Millionen Euro unverändert blieben. Für Anleger dürfte tröstlich sein, dass BioNTech den Großteil der Jahreserlöse erst im zweiten Halbjahr erwartet – darunter eine Kollaborationszahlung von Bristol Myers Squibb in Höhe von 613 Millionen Euro, die im dritten Quartal fließen soll.
Finanziell steht der Konzern trotz der roten Zahlen solide da. Zum 30. Juni verfügte BioNTech über liquide Mittel und Wertpapiere von insgesamt 16.634,2 Millionen Euro, davon 9.741,0 Millionen Euro in Bar- und Zahlungsmitteläquivalenten. Im zweiten Quartal kaufte das Unternehmen zudem 1.693.056 American Depositary Shares zu einem Durchschnittskurs von 89,50 US-Dollar zurück, umgerechnet 77,85 Euro, für ein Gesamtvolumen von 151,6 Millionen Euro. Das Rückkaufprogramm mit einem Volumen von bis zu einer Milliarde US-Dollar läuft noch bis Mai 2027. Medienberichten zufolge musste BioNTech im Zuge von Restrukturierungen mehrere ungenutzte oder unterausgelastete Produktionsstätten schließen, was zu umfangreichen Stellenstreichungen führte.
Sahin übergibt an Oelkers
Die eigentliche Zäsur der Woche betrifft jedoch die Führungsebene. Der Aufsichtsrat berief Guido Oelkers in den Vorstand und zum künftigen Vorstandsvorsitzenden, spätestens zum 1. Februar 2027 übernimmt er von Firmengründer Ugur Sahin. Oelkers leitete zuletzt das schwedische Unternehmen Swedish Orphan Biovitrum, wo er den Umsatz über neun Jahre hinweg auf mehr als das Vierfache steigerte. Sahin selbst begründete den Schritt mit einem Strategiewechsel: BioNTech bewege sich hin zu einem stärker kommerziell ausgerichteten Modell, das andere Führungsqualitäten erfordere. „Die nächste Phase dieser Entwicklung verlangt die entsprechenden Führungsfähigkeiten, und ich bin überzeugt, dass wir sie in Guido gefunden haben“, erklärte Sahin. Bereits im März hatte Sahin angekündigt, ein neues, unabhängiges Unternehmen für mRNA-Innovationen der nächsten Generation aufzubauen, in das er Technologien aus BioNTech einbringen will. Auch Mitgründerin Özlem Türeci wird das Unternehmen verlassen und dieses Vorhaben mitleiten, die Suche nach ihrer Nachfolge als medizinische Vorstandschefin läuft.
Pipeline liefert Hoffnung, Analysten bleiben vorsichtig
Auf der Forschungsseite setzt BioNTech große Erwartungen in den gemeinsam mit Bristol Myers Squibb entwickelten Antikörper Pumitamig, der aktuell in sieben zulassungsrelevanten Studien des ROSETTA-Programms getestet wird. Allein in der ersten Jahreshälfte starteten fünf neue globale Studien zu dreifach-negativem Brustkrebs, Darm-, Magen- und nichtkleinzelligem Lungenkrebs. Einzelne Meilensteine verschieben sich allerdings ins kommende Jahr, darunter eine Phase-III-Studie zu Pumitamig bei Brustkrebs in China sowie eine Phase-II-Studie zum Wirkstoff Gotistobart bei Prostatakrebs. Auf regulatorischer Seite erhielt der gemeinsam mit Pfizer entwickelte Covid-19-Impfstoff für die Saison 2026/2027, angepasst an die XFG-Variante, am 29. Juli die Marktzulassung der Europäischen Kommission für alle 27 EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Liechtenstein und Norwegen. Beide Unternehmen produzieren den Impfstoff bereits „auf eigenes Risiko“, um rechtzeitig zur Erkältungssaison lieferfähig zu sein.
Am heutigen Freitag bekräftigte Morgan Stanley seine Kaufempfehlung für die Aktie, senkte das Kursziel jedoch von 126 auf 119 US-Dollar. Die Aktie selbst notiert bei 79,70 Euro und legt am heutigen Tag um 0,82 Prozent zu, nachdem sie am Vortag bei 79,05 Euro geschlossen hatte. Vom 52-Wochen-Hoch bei 105,80 Euro, erreicht im Januar, trennen das Papier weiterhin 24,67 Prozent – ein Abstand, der die Skepsis des Marktes gegenüber der gesenkten Prognose widerspiegelt. Der nächste wichtige Termin für Anleger ist der 3. November, wenn BioNTech die Zahlen zum dritten Quartal vorlegt.
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