BioNTech steuert auf einen ereignisreichen September zu. Die Weltkonferenz der Lungenkrebsspezialisten IASLC in Seoul, Mitte des Monats, wird zur Nagelprobe für das Onkologie-Portfolio des Mainzer Unternehmens.
Doch wer sich die jüngsten Analystenreaktionen ansieht, entdeckt ein Muster, das mich stutzig macht: Kursziele wandern nach unten, die Ratings bleiben oben. Für mich ist das ein Signal, das mehr über die Erwartungshaltung der Wall Street verrät als jede einzelne Kennziffer.
Gesenkte Ziele, gehaltene Ratings
Anfang August strich Morgan Stanley sein Kursziel für BioNTech von 126 auf 119 US-Dollar zusammen, behielt aber die Einstufung Overweight bei. Ende August folgte Canaccord mit einer Senkung von 142 auf 136 Dollar – ebenfalls ohne das Rating anzutasten.
Beide Häuser trauen der Aktie also weiterhin überdurchschnittliches Potenzial zu, nur eben mit etwas weniger Fantasie im Zielkurs. Das liest sich für mich wie vorsichtige Anpassung an schwächere Umsatzzahlen, nicht wie ein Vertrauensverlust in die Substanz.
Gegenläufig positionierte sich Wall Street Zen, das die Aktie im August von „Hold“ auf „Sell“ herabstufte – ein automatisiertes Screening-Urteil, das ich für wenig aussagekräftig halte, wenn es der einzige Kontrapunkt zu zwei fundamental begründeten Einschätzungen bleibt.
Der Kurs selbst bewegt sich in einer Bandbreite, die diese Ambivalenz widerspiegelt. Nach dem gestrigen Anstieg um 1,9 Prozent auf 89,60 Euro notiert die Aktie zwar 15 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 105,80 Euro aus dem Januar, hat sich aber seit dem Jahrestief im März um 31 Prozent erholt.
Auf Monatssicht steht ein Plus von 13 Prozent zu Buche – ein Hinweis darauf, dass der Markt die zuletzt gestoppte Darmkrebs-Studie und die schwachen Halbjahreszahlen bereits verarbeitet hat, ohne die grundsätzliche Story infrage zu stellen.
Die eigentliche Wette: Onkologie-Pipeline statt COVID-Geschäft
Wer BioNTech heute bewertet, bewertet nicht mehr das Impfstoffgeschäft, sondern eine Wette auf die Onkologie-Pipeline. Genau hier setzt Seoul an. BioNTech kündigte an, in Südkorea neue klinische Daten aus seinem diversifizierten Lungenkrebsprogramm vorzustellen – mit Fortschritten zu pumitamig, gotistobart und mRNA-basierten Immuntherapieansätzen.
Besonders bemerkenswert finde ich die angekündigte Late-Breaking-Präsentation zur Kombination von pumitamig mit dem B7H3-gerichteten Antikörper-Wirkstoff-Konjugat elfetabart drozuntecan – laut Unternehmensangaben die erste Kombinationsdatenlage eines PD-(L)1xVEGF-Bispezifikums mit einem ADC überhaupt in der Lungenkrebsforschung. Sollte diese Kombination halten, was die Ankündigung verspricht, wäre das ein Differenzierungsmerkmal, das BioNTech von der Konkurrenz abhebt.
Gleichzeitig zeigt der Abbruch der Phase-2-Studie zu autogene cevumeran bei Darmkrebs, dass nicht jede Wette aufgeht. Das gehört zur Realität einer breiten Onkologie-Pipeline mit vielen parallelen Programmen – nicht jedes Molekül schafft es bis zur Zulassung.
Entscheidend ist, dass das Unternehmen mit 16,6 Milliarden Euro an Kassenbeständen ausreichend Kapital hat, um solche Rückschläge wegzustecken, ohne die übrigen 14 laufenden Pivotalstudien zu gefährden.
Unterm Strich
Die Kombination aus gesenkten Kurszielen bei gehaltenen Kaufempfehlungen zweier renommierter Häuser spricht für mich dafür, dass die Erwartungen an das Umsatzwachstum kurzfristig gedämpft, die langfristige Onkologie-These aber intakt bleibt.
Die Volatilität von 71 Prozent auf 30-Tage-Sicht zeigt, wie nervös der Markt auf jede neue Nachricht reagiert – ein Umfeld, in dem die Seoul-Daten überproportionale Kursbewegungen auslösen können, in beide Richtungen.
Wer BioNTech hält, sollte die Präsentationen Mitte September als den eigentlichen Prüfstein begreifen, nicht die vergangenen Quartalszahlen. Für mich überwiegen die Chancen, dass positive Kombinationsdaten die zurückhaltenden Kursziele wieder nach oben drehen könnten – Gewissheit gibt es darüber freilich erst nach Seoul.
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