Der Übergang von einer pandemiegetriebenen Sonderkonjunktur zurück zum unberechenbaren Alltag der Onkologie verlangt Biotech-Investoren weiterhin starke Nerven ab. Jahrelang spülte das Vakzingeschäft verlässliche Milliardeneinnahmen in die Kassen der Mainzer, doch die Zukunft entscheidet sich längst wieder an den klinischen Endpunkten schwerer Erkrankungen.

Wie schmal der Grat zwischen therapeutischem Durchbruch und teurem Rückschlag verläuft, zeigte sich in den vergangenen Tagen eindrücklich an der Entwicklung der klinischen Pipeline.

Am Montag legte das Unternehmen ermutigende Daten vor. In der Phase-3-Studie PRESERVE-003 bei vorbehandeltem plattenepithelialem nicht-kleinzelligem Lungenkrebs erreichte der Wirkstoff Gotistobart einen klinisch bedeutsamen Vorteil beim Gesamtüberleben.

Laut Reuters lag das mediane Gesamtüberleben bei 18,5 Monaten, verglichen mit 10,0 Monaten unter der Standardtherapie mit Docetaxel. Ein derart deutlicher Überlebensvorteil markiert ein wichtiges Signal für die weitere Entwicklung des onkologischen Portfolios.

Licht und Schatten in der Pipeline

Dass Erfolgsmeldungen an den Finanzmärkten derzeit dennoch nur verhalten gefeiert werden, liegt an den fortwirkenden Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Erst vor rund zwei Wochen sorgte der Abbruch der Cevumeran-Kolonkrebs-Studie für Ernüchterung, seither verlor der Titel 1,4 Prozent an Wert.

Ein unabhängiges Gremium war zu dem Schluss gekommen, dass die mRNA-Behandlung den Patienten voraussichtlich keinen Lebenszeitgewinn bringt. Medienberichten zufolge büßten die US-Gattungen damals 7,5 Prozent an Wert ein.

Die jüngsten Daten zu Gotistobart fungieren nun zwar als Gegengewicht zu diesem Dämpfer bei den Darmkrebsstudien. Sie verdeutlichen jedoch auch, wie volatil die Stimmungslage im gesamten Sektor bleibt, solange neue Krebstherapien noch Jahre von einer potenziellen Kommerzialisierung entfernt sind. Kann eine einzelne erfolgreiche Phase-3-Studie das Vertrauen der Anleger dauerhaft stabilisieren?

Zunehmende Skepsis am Markt

Die Skepsis rührt nicht zuletzt von den schwindenden Einnahmen aus dem etablierten Portfolio her. Am 8. September reagierte das Analysehaus BMO Capital Markets auf die veränderte Gemengelage und stufte die Aktie von Outperform auf Market Perform herab. Gleichzeitig senkten die Analysten ihr Kursziel von 128 $ auf 105 $.

Zur Begründung verwies BMO Capital Markets auf eine stärker als erwartet verlaufende Erosion bei den Erlösen des Covid-Impfstoffs Comirnaty. Zudem dämpften die Experten ihre Erwartungen an das sogenannte iNeST-Programm und machten darauf aufmerksam, dass für den Kandidaten Pumitamig bis zum Jahr 2028 keine Daten vorliegen dürften, die das Entwicklungsrisiko entscheidend verringern.

Geduldprobe für Investoren

Am Freitag schloss die Aktie im Handel bei 83,80 Euro, was einem Tagesverlust von 2,6 Prozent entspricht. Der Abstand zum 52-Wochen-Hoch beträgt inzwischen 21 Prozent. Diese Bewertung spiegelt wider, dass der Markt die Phase der reinen Vorschusslorbeeren hinter sich gelassen hat.

BioNTech verfügt über eine vielschichtige Pipeline, doch der Übergang zu einem breit aufgestellten Onkologie-Konzern braucht Zeit. Für Anleger bedeutet das vor allem: Sie müssen lernen, Rückschläge wie im Darmkrebsbereich gegen Lichtblicke wie bei Gotistobart abzuwägen – und auf handfeste Fortschritte bei den verbleibenden Schlüsselprojekten zu warten.