Ein Lungenkrebs-Medikament verdoppelt fast das Überleben von Patienten gegenüber der Standardtherapie. Für BioNTech ist das mehr als nur ein weiterer Datenpunkt in der Pipeline — es ist ein Beleg dafür, dass die Wette auf die Onkologie aufgehen könnte.

Auf der World Conference on Lung Cancer in Seoul präsentierte BioNTech gemeinsam mit Partner OncoC4 aktualisierte Ergebnisse zum Krebsmedikament Gotistobart. Die Aktie reagierte am Montag deutlich fester: Im XETRA-Handel legte das Papier zeitweise rund 3,5 Prozent auf etwa 86 Euro zu, vorbörslich an der NASDAQ stieg der Kurs um rund 2,7 Prozent auf etwa 99 US-Dollar.

Überlebensvorteil bei schwer behandelbarem Lungenkrebs

Die Daten stammen aus dem ersten, nicht zulassungsrelevanten Teil der globalen Phase-3-Studie PRESERVE-003. Getestet wird Gotistobart bei Patienten mit metastasiertem Plattenepithelkarzinom der Lunge, deren Erkrankung nach einer ersten Therapie fortgeschritten ist.

Bei einer medianen Nachbeobachtungszeit von 25,4 Monaten erreichten die 45 mit Gotistobart behandelten Teilnehmer ein medianes Gesamtüberleben von 18,5 Monaten. Unter der Vergleichs-Chemotherapie Docetaxel waren es bei 42 Patienten nur 10,0 Monate.

BioNTech-Mitgründerin und Chief Medical Officer Özlem Türeci betonte den besonderen Wirkmechanismus des Präparats: Es reaktiviere eine unterdrückte Anti-Tumor-Immunantwort und ziele darauf ab, erworbene Resistenzen zu überwinden — gerade in späteren Therapielinien, wo die Optionen für Patienten oft begrenzt sind.

Das Sicherheitsprofil bewertete das Unternehmen als beherrschbar; schwere Nebenwirkungen traten unter Gotistobart mit 44,4 Prozent sogar seltener auf als unter der Chemotherapie mit 48,8 Prozent.

Milliarden-Wette von 2023 zahlt sich aus

BioNTech hatte sich die weltweiten Rechte an Gotistobart bereits im März 2023 gesichert und zahlte OncoC4 dafür eine Vorauszahlung von 200 Millionen Dollar. Der Wirkstoff trägt inzwischen mehrere regulatorische Sonderstatus: den Fast-Track-Status der US-Behörde FDA seit 2022, seit 2025 zusätzlich den Orphan-Drug-Status sowie die Breakthrough-Therapy-Designation der chinesischen Zulassungsbehörde NMPA.

Der zulassungsrelevante zweite Teil von PRESERVE-003 läuft bereits an mehr als 160 Studienzentren weltweit, mit Gesamtüberleben als primärem Endpunkt. Gotistobart ist dabei nur ein Baustein einer breiteren Lungenkrebs-Strategie: Zusammen mit den Kandidaten Pumitamig und BNT116 laufen bei BioNTech nach eigenen Angaben mehr als 16 klinische Studien zu dieser Krebsart, darunter fünf Phase-3-Programme.

Die Onkologie-Fortschritte treffen jedoch auf ein schrumpfendes Kerngeschäft. Der Umsatz war im zweiten Quartal 2026 auf 105,6 Millionen Euro gefallen, nach 260,8 Millionen Euro im Vorjahresquartal, während das Ergebnis je Aktie auf minus 3,24 Euro rutschte. Wegen der schwachen COVID-19-Impfstoffnachfrage hatte BioNTech Anfang August die Jahresumsatzprognose auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro gesenkt.

Der zweite, zulassungsrelevante Studienteil von PRESERVE-003 bleibt damit der nächste entscheidende Meilenstein für die Onkologie-Sparte. Bis zu dessen Auswertung bleibt die Aktie ein Balanceakt zwischen einem schrumpfenden Impfstoffgeschäft und einer Pipeline, die auf der Bühne in Seoul erstmals ihr kommerzielles Potenzial greifbar gemacht hat.