Bei Bitcoin wächst nach den jüngsten Zwangsliquidationen bereits wieder das Engagement am Terminmarkt. Eine Erholung steht damit auf unsicherem Fundament: Medienberichten zufolge lag das offene Kontraktvolumen ausgewählter Bitcoin-Termingeschäfte gestern bei 28 Mrd. US-Dollar. Das entsprach einem Anstieg von 3% gegenüber dem Vortag.

Die Entwicklung spricht gegen die Annahme, dass der Abbau riskanter Positionen bereits abgeschlossen ist. Zugleich fehlen bislang klare Zeichen einer stärkeren Nachfrage am Kassamarkt. Für Anleger zählt deshalb weniger die kurzfristige Stabilisierung als die Frage, ob neue Käufer die Erholung tragen.

Terminmarkt baut wieder Positionen auf

Block Scholes meldete in seiner Notiz vom Freitag kryptoweite Zwangsliquidationen von 1,53 Mrd. US-Dollar innerhalb eines Tages. Davon entfielen 84% auf Long-Positionen, also auf Wetten auf steigende Kurse. Gleichzeitig nahm das offene Volumen der untersuchten unbefristeten Bitcoin-Kontrakte bei Binance in einem mehrstündigen Zeitfenster um 4,5% zu.

Zwangsliquidationen und ein wachsendes offenes Kontraktvolumen können somit nebeneinander auftreten. Die Bereinigung bestehender Positionen verhindert nicht, dass Marktteilnehmer neue Risiken eingehen. Aus dem steigenden Volumen allein lässt sich allerdings weder eine überwiegend positive Positionierung noch eine bevorstehende Kursrichtung ableiten.

Das unterscheidet die jüngste Stabilisierung von einer eindeutig durch zusätzliche Käufe getragenen Erholung. Mehr offene Terminkontrakte sind zunächst ein Zeichen wachsender Positionierung – kein Beleg für zurückkehrendes Vertrauen.

Kassamarkt und Fonds liefern keine Entwarnung

Bitfinex zufolge verlief der jüngste Bitcoin-Rückgang ohne einen deutlichen Anstieg des Spot-Handelsvolumens. Händler hätten den Rücksetzer nicht entschlossen für Käufe genutzt. Für eine nachhaltige Erholung hält Bitfinex ein Halten über 75.000 US-Dollar und die Rückeroberung von 80.000 US-Dollar für wichtig. Unterhalb der unteren Marke könnte der Verkaufsdruck zunehmen.

Diese Einschätzung bleibt ein Szenario, keine Kursprognose mit sicherem Ausgang. Sie benennt aber den entscheidenden Unterschied zwischen einer technischen Gegenbewegung und einer belastbareren Erholung: Dafür müsste sich auch außerhalb des Terminmarkts neue Nachfrage zeigen.

Bei den US-Spot-Bitcoin-ETFs überwogen am Freitag laut Farside Investors die Rückgaben. Netto flossen 643 Mio. US-Dollar ab. Damit wurden die Zuflüsse der vorangegangenen vier Handelstage mehr als aufgezehrt.

Die Fondsbewegungen dokumentieren einen Rückzug von Kapital. Sie belegen jedoch nicht die individuellen Verkaufsgründe der Anleger. Eine direkte Zuordnung sämtlicher Abflüsse zum Binance-Sicherheitsvorfall wäre deshalb nicht gerechtfertigt.

Auszahlungsstart bleibt ein Prüfstein

Binance plant, die ausgesetzten Auszahlungen heute wieder aufzunehmen. Die Börse hat zugesagt, die Verluste vollständig selbst zu tragen und Nutzer schadlos zu halten. Eine bestätigte Wiederaufnahme ist von dieser Ankündigung zu unterscheiden.

Für Bitcoin wäre ein funktionierender Auszahlungsbetrieb ein Schritt zur Normalisierung des Plattformbetriebs. Er würde die schwache Nachfrage am Kassamarkt und die neuen Terminpositionen aber nicht automatisch ausgleichen.

Die Erholungsthese muss sich deshalb an mehreren Stellen bewähren: an tatsächlich wieder verfügbaren Auszahlungen, einer Rückkehr der Fondsnachfrage und überzeugenderen Käufen am Kassamarkt. Solange vor allem das offene Terminvolumen wächst, bleibt die Stabilisierung anfällig für erneute Positionsauflösungen.