Ein Jahr lang schien Bloom Energy unaufhaltsam. Der Brennstoffzellen-Pionier ritt auf der Welle des KI-Booms, Rechenzentren brauchten Strom, Bloom lieferte. Jetzt fragt die Börse plötzlich nicht mehr nach der nächsten Umsatzrekordmeldung, sondern danach, woher die Rohstoffe eigentlich kommen. Und diese Frage tut weh.

Die Aktie schloss am Freitag bei 178,80 Euro, ein Rückgang von 0,45 Prozent. Klingt harmlos. Der Blick auf die vergangenen 30 Tage zeigt aber ein anderes Bild: minus 27,32 Prozent. Vom Rekordhoch bei 308,50 Euro im Juni trennen die Aktie mittlerweile über 42 Prozent.

Die Scandium-Klage

Der Auslöser der Talfahrt ist eine Sammelklage. Am 30. Juli 2026 reichten Anleger vor dem Bundesgericht im Norden Kaliforniens eine Klage gegen Bloom Energy ein. Der Vorwurf: Das Unternehmen und sein Management, darunter CEO KR Sridhar sowie mehrere aktuelle und frühere Finanzchefs, sollen irreführende Aussagen über die Herkunft von Scandium gemacht haben.

Scandium ist ein seltenes Erdmetall. Bloom nutzt es, um die Leistung seiner Festoxid-Brennstoffzellen zu verbessern. Die Kläger werfen dem Unternehmen vor, seine Abhängigkeit von chinesischem Scandium heruntergespielt zu haben. Das Material soll über Zwischenhändler in Thailand, Japan und Südkorea bezogen worden sein, um die tatsächliche China-Exposition zu verschleiern. Ein kritischer Medienbericht Anfang Juli hatte die Frage aufgeworfen, wie verwundbar Bloom gegenüber chinesischen Exportkontrollen wirklich ist. Seither lässt das Thema die Aktie nicht mehr los.

Kein Wunder, dass Investoren nervös wurden. Eine Klage wegen irreführender Angaben zur Lieferkette trifft einen Konzern, der sein gesamtes Geschäftsmodell auf Energieunabhängigkeit aufgebaut hat, an der empfindlichsten Stelle.

KI-Boom trifft auf fragile Lieferkette

Der Zeitpunkt könnte kaum ungünstiger sein. Der Markt für Energieinfrastruktur erlebt gerade einen historischen Boom. Wettbewerber und Partner wie GE Vernova und Eaton melden prall gefüllte Auftragsbücher, angetrieben von der Elektrifizierung der Rechenzentren. Amazon und Microsoft stecken Milliarden in KI-Kapazitäten und suchen händeringend nach zuverlässiger, netzunabhängiger Stromversorgung. Genau dort will Bloom Energy mitspielen.

Mit einer Marktkapitalisierung von 52,54 Milliarden Euro zählt das Unternehmen zu den wichtigen Akteuren dieser Energiewende. Die Abhängigkeit von einem einzigen kritischen Mineral macht Bloom aber gleichzeitig zur Zielscheibe im Handelskonflikt zwischen den USA und China. Zwar deuten manche Marktbeobachtungen darauf hin, dass sich Chinas Griff auf seltene Erden durch neue Förderprojekte weltweit lockert. Für ein Unternehmen mit Bloom Energys Wachstumstempo bleibt das Risiko plötzlicher Lieferunterbrechungen oder neuer Zölle trotzdem ein Damoklesschwert.

Was der Chart sagt

Die Analystengemeinde bleibt trotz allem zuversichtlich. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 237,08 Euro, das entspräche einem Potenzial von gut 32 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Seit Jahresbeginn steht die Aktie noch immer mit 138,24 Prozent im Plus, ein Beleg dafür, dass die grundsätzliche Nachfrage nach Bloom-Technologie nicht verschwunden ist.

Der RSI von 44,4 signalisiert derzeit weder Überkauft- noch Überverkauft-Zustand, die Aktie hat also technisch Luft in beide Richtungen. Mit einer annualisierten Volatilität von 141 Prozent dürfte es aber turbulent bleiben. Der Markt wägt gerade zwei Dinge gegeneinander ab: das langfristige Potenzial der Brennstoffzellen-Technologie und das kurzfristige Risiko aus einer möglicherweise verschleierten Lieferkette.

Bloom Energy steht vor einer Bewährungsprobe in Sachen Transparenz. Um zum gleitenden 50-Tage-Durchschnitt von 227,56 Euro zurückzukehren, muss das Unternehmen nicht nur das Verfahren in Kalifornien überstehen. Es muss auch den Beweis antreten, dass die viel beschworene „Energieunabhängigkeit“ nicht an der Mine endet, aus der das Scandium für die eigenen Brennstoffzellen stammt.