Ausgangslage

BMW hat vor rund zwei Wochen mit einem Gewinneinbruch und der angekündigten Streichung von 8.000 Stellen für Ernüchterung gesorgt. Seither hat die Aktie moderat nachgegeben, um 1,8 Prozent.

Jetzt rückt ein anderes Thema in den Vordergrund: Am Donnerstag lief im Stammwerk München die Serienproduktion des BMW i3 an, des zweiten Modells der neuen „Neue Klasse“-Baureihe. Nach vierjährigem Umbau bei laufender Produktion soll das Werk künftig bis zu 1.000 Fahrzeuge täglich fertigen.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall: BMW braucht ein Zugpferd, das operative Substanz belegt, während die Marge im laufenden Jahr auf 1 bis 3 Prozent abgesackt ist. Die Aktie notiert bei 59,60 Euro und damit nur wenig über ihrem 52-Wochen-Tief von 56,40 Euro – der Spielraum für Enttäuschungen ist schmal geworden.

Die entscheidende Frage

Für Anleger läuft derzeit alles auf eine Frage hinaus: Kann die Neue Klasse die Nachfrage generieren, die nötig ist, um die eingebrochene Marge im Automobilgeschäft wieder zu stabilisieren?

Der operative Gewinn im Kerngeschäft war im zweiten Quartal um mehr als 60 Prozent eingebrochen, während die weltweiten Auslieferungen um 4,9 Prozent zurückgingen und der China-Absatz sogar um über 30 Prozent einbrach.

Erste Signale sind ermutigend: Die BEV-Auslieferungen legten im selben Quartal um 5,2 Prozent zu, für den bereits gestarteten iX3 rechnet BMW mit rund 100.000 Auftragseingängen, und auch für den i3 wird schon vor Marktstart eine hohe Nachfrage vermeldet.

Ob sich dieser Schwung jedoch in Stückzahlen und Marge übersetzt, die den erwarteten Gewinnrückgang für 2026 abfedern, bleibt offen – die Kundenauslieferungen in Europa sollen erst im Herbst beginnen.

Bullisches Szenario

Gelingt der Hochlauf im Stammwerk reibungslos und trifft der i3 mit seiner 800-Volt-Architektur und den modularen Batteriepacks höherer Energiedichte den Nerv der Käufer, könnte BMW im vierten Quartal erste positive Signale bei Auslieferungszahlen liefern.

Parallel dazu entlastet das laufende Restrukturierungsprogramm die Kostenseite: Finanzvorstand Walter Mertl bezifferte die Einsparungen bereits auf 2,5 Milliarden Euro im Vorjahr, weitere Effizienzmaßnahmen sollen folgen, ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Auch die Einigung mit AUMOVIO, die BMW über 350 Millionen Euro Ausgleichszahlung und neue Aufträge von mehr als 1 Milliarde Euro sichert, entspannt die Lieferantenbeziehungen. In diesem Szenario könnte sich der Kurs von seinem aktuellen Niveau nahe dem Jahrestief lösen und Richtung des 50-Tage-Durchschnitts von 60,48 Euro zurückarbeiten.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt vor allem in China und in der Marge. Der Rückgang der Auslieferungen dort um mehr als 20 Prozent im ersten Halbjahr zeigt, dass BMW im wichtigsten Einzelmarkt strukturell an Boden verliert – ein Trend, den auch ein erfolgreicher i3-Start in Europa nicht automatisch umkehrt.

Zudem bleibt die Automotive-EBIT-Marge mit 1 bis 3 Prozent auf einem Niveau, das kaum Puffer für weitere Rückschläge lässt, etwa durch Zollbelastungen oder Rohstoffkosten.

RBC Capital Markets senkte am 14. August das Kursziel auf 60 Euro und beließ die Einstufung bei „Sector Perform“ – ein Hinweis darauf, dass zumindest ein Analystenhaus kurzfristig keine größere Kurserholung erwartet. Sollte der i3-Hochlauf ins Stocken geraten oder die China-Schwäche sich in den kommenden Monaten fortsetzen, droht ein weiterer Rutsch Richtung des Jahrestiefs.

Ausblick

Solange BMW den Produktionshochlauf in München ohne größere Verzögerungen bewältigt und die ersten Auslieferungszahlen im Herbst eine spürbare Nachfrage bestätigen, spricht das für eine allmähliche Stabilisierung der Aktie oberhalb der 56-Euro-Marke.

Kippt dagegen die China-Schwäche stärker durch oder verzögert sich die Markteinführung, dürfte die Marge zusätzlich unter Druck geraten – dann wird der Weg zum Jahrestief kürzer als der zum 50-Tage-Durchschnitt.

Der nächste konkrete Prüfstein ist der Wechsel im Vorstand: Am 1. September übernimmt Dorothea von Boxberg, bislang CEO von Brussels Airlines, das Personalressort von Ilka Horstmeier – just zu dem Zeitpunkt, an dem das freiwillige Abfindungsprogramm zum Abbau von rund 8.000 Stellen anlaufen soll.

Wie reibungslos dieser doppelte Übergang gelingt, dürfte mitentscheiden, ob die Neue Klasse ihre Wirkung auf die Bilanz auch tatsächlich entfalten kann.