Liebe Börsenfreundinnen und Börsenfreunde,
der KI-Boom finanziert sich zunehmend selbst. Broadcom hat heute mit mehreren Großbanken und Blackstone ein Finanzierungspaket über 63 Milliarden Dollar vereinbart. Damit soll Anthropic Broadcom-Chips kaufen und leasen können. Der Lieferant besorgt dem Kunden also das Geld für die eigene Ware.
Das klingt nach einer Nachfrage, die nie ausgeht. Unbequemer ist die Frage, wer am Ende die Chips in der Bilanz hat. Darum geht es heute. Außerdem auf dem Zettel: ein Speicher-Rausch mit Haken, eine Rüstungsaktie im Gegenwind, Rückenwind für Siemens Energy und Bitcoin-Besitzer, die gerade die Plätze tauschen.
Broadcom: Der Lieferant wird zum Bürgen
Die Konstruktion lohnt einen zweiten Blick. Eine Zweckgesellschaft kauft Broadcoms KI-Beschleuniger und Netzwerktechnik und verleast sie an Anthropic. Der Kern ist eine Garantie: Broadcom sichert den Restwert der Hardware ab, also den Wert, den gebrauchte Geräte später noch haben. Verlieren die Chips schneller an Wert als geplant, zahlt der Hersteller.
Damit trägt Broadcom ab 2027 ein Risiko, das bisher beim Kunden lag. Die Broadcom-Aktie legt heute leicht zu. Sie liegt aber noch deutlich unter ihrem Junihoch.
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Anthropic will ab Mitte November an die Börse, und der Umsatz ist im ersten Halbjahr sprunghaft gestiegen. Trotzdem weist der Prospekt einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar aus. Ist das ein Pleitekandidat? Nicht ganz: Der Großteil sind Buchungseffekte aus Wandelanleihen, bei denen kein Geld fließt, und bereinigt bleibt operativ ein Gewinn von 1,6 Milliarden.
Meta zeigt die Kehrseite. Meta meldete im dritten Quartal erstmals seit über zehn Jahren einen negativen freien Cashflow. Es floss also mehr Geld hinaus, als das Geschäft einbrachte, und gleichzeitig hob der Konzern seine Investitionsprognose an. Die neue Aktienemission war stark überzeichnet, die Meta-Aktie liegt auf Monatssicht trotzdem 12 Prozent im Minus.
Speicher: Eine Rally mit zwei Haken
Der Rekord von SK Hynix zieht heute den gesamten Speichersektor nach oben. Samsung schloss in Seoul 9 Prozent fester, die Kioxia-Aktie springt in Frankfurt um 12 Prozent. SK Hynix hat über die Hälfte seiner Produktion für 2027 und 2028 fest an Großkunden verkauft und erwartet Knappheit bis 2030.
Ist damit alles in Butter? Nicht ganz. SK Hynix verlor im Markt für HBM, den schnellen Spezialspeicher für KI-Rechner, vom ersten zum zweiten Quartal Anteile, und zwar von 58 auf 50 Prozent. Samsung legte im selben Zeitraum kräftig zu. Der heutige Kurssprung bei Samsung hat also einen eigenen Grund.
Zweitens bröckelt der Spotmarkt, auf dem Speicher kurzfristig und ohne langen Vertrag gehandelt wird. Die Preise für NAND-Speicher brachen in der vergangenen Woche ein, weil chinesische Smartphone-Hersteller vor ihrer Rabattaktion Anfang November die Preise senken. KI-Verträge und Konsumgeschäft laufen damit in entgegengesetzte Richtungen. Das Geld für den Chip-Trade kommt übrigens aus Software: Adobe verlor seit Donnerstag 8 Prozent.
Rheinmetall: Gute Prognosen, schlechte Stimmung
Bei Rheinmetall kippt die Stimmung, obwohl die Prognosen angehoben wurden. Eine heutige Branchenanalyse zu Rheinmetall, Renk und Hensoldt sieht auf dem aktuellen Bewertungsniveau Argumente für einen Verkauf. Auch das Drohnenprojekt Destinus Strike Systems wirft Fragen zu Gewinnhebeln und Risiken auf. Rheinmetall liegt seit Jahresbeginn 35 Prozent im Minus und weit unter dem Januarhoch.
Wer hier einsteigen will, braucht einen Grund jenseits des Auftragsbuchs, denn das ist längst im Kurs enthalten. Neue Impulse kommen von außen. Bundeskanzler Merz und Japans Premierministerin Takaichi unterzeichneten heute in Tokio eine Reihe von Abkommen, darunter zur Rüstungsindustrie. Der erste sichtbare Profiteur ist OHB, das nach einer Absichtserklärung mit dem japanischen Astroscale kräftig zulegt.
Siemens Energy: Die Vorlage kommt aus Amerika
Siemens Energy gehört heute mit gut 3 Prozent Plus zu den stärksten DAX-Werten. Warum, wenn es keine eigene Nachricht gibt? Den Anlass liefert der US-Wettbewerber GE Vernova, der seine Prognose anhob und die Trench Group kauft. Für Siemens Energy ist das ein Vorgeschmack auf die eigenen Zahlen am 11. November.
Dazu kommt Rückenwind vom Ölmarkt. Brent notiert nach einem Angriff auf eine saudische Raffinerie über 115 Dollar. Die Inflation in der Eurozone von 3,8 Prozent im September geht zu fast der Hälfte auf Energie zurück. Energieausrüster und Ölkonzerne sind damit neben KI derzeit die zweite Säule, bei der steigende Preise direkt in den Zahlen ankommen.
Bitcoin: Die schnellen Gelder gehen, die geduldigen kommen
Bitcoin hält sich knapp über 80.000 Dollar und liegt seit Jahresbeginn im Minus. Interessanter als der Kurs ist, wer die Bitcoin hält. Galaxy Research hat die Meldungen bis Juni ausgewertet. Hedgefonds und Banken wie Millennium, Goldman Sachs und Tudor bauten rund 68.000 Bitcoin in US-Spot-ETFs ab, also in börsengehandelten Fonds, die echte Bitcoin halten.
Gekauft haben unter anderem Morgan Stanley Wealth, Mubadala und der Abu Dhabi Investment Council. Warum ziehen sich die Profis zurück? Der Aufschlag der Terminkontrakte auf den aktuellen Kurs schrumpfte auf 4,8 Prozent und liegt damit kaum noch über dem, was kurzlaufende US-Staatsanleihen bringen.
CoinShares sieht deshalb trotz der Erholung vom Julitief noch kein Fundament für einen Bullenmarkt. Die Käuferbasis wird langsamer und langfristiger. Das dämpft Abstürze, aber leider auch Rallys.
Was jetzt zählt
Heute Abend um 19 Uhr entscheidet die Fed. Erwartet wird eine Pause, die Märkte achten aber auf Fed-Chef Kevin Warsh und eine mögliche Anhebung im Dezember. Diese ist zu knapp 80 Prozent eingepreist, also in den Kursen schon weitgehend vorweggenommen. Morgen folgen die EZB sowie Zahlen von Volkswagen, Adidas, Shell und Amazon.
Die eigentliche Richtungsfrage stellt aber der Anthropic-Börsengang ab Mitte November. Er testet, ob der Markt 100 Milliarden Dollar für ein Unternehmen aufbringt, dessen Lieferanten die Hardware bereits selbst verbürgen. Wer Chipaktien hält, sollte das im Kopf behalten: Das Ausfallrisiko wandert von den Kunden zu den Herstellern und damit zu deren Aktionären.
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Viele Grüße vom Treff, Ihr Andreas Sommer
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