Während die Analysten ihre Kursziele im Rekordtempo zusammenstreichen, kauft ein Mitglied der Führungsebene in aller Ruhe Aktien nach. Dieser Widerspruch fasst die aktuelle Lage bei Circus besser zusammen als jede Kennzahl: Ein Unternehmen im freien Fall, das zugleich Signale des Vertrauens aussendet. Für mich ist genau dieser Kontrast der Kern der Geschichte – und er macht die Aktie zu einem der schwierigsten Fälle am deutschen Kurszettel.
Der Kollaps der Prognose
Am 16. Juli musste Circus seine Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2026 von ursprünglich 44 bis 55 Millionen Euro auf gerade noch 5,2 Millionen Euro einstampfen. Das ist keine Anpassung mehr, das ist ein fast vollständiger Rückzug von den eigenen Ambitionen. Parallel verschlechterte sich die EBITDA-Prognose von zuvor minus 6 bis minus 8 Millionen Euro auf rund minus 17 Millionen Euro. Wer zuvor auf eine Skalierung des Geschäfts gesetzt hatte, muss diese Wette nun praktisch neu aufsetzen.
Bezeichnend ist der Zeitpunkt personeller Veränderungen: Bereits am 6. Juli, also vor der Prognosekorrektur, wechselte mit Christian Bauer – zuvor bei Volocopter und Daimler – ein neuer Co-CEO und CFO an Bord, während der bisherige Finanzchef Fabian Becker das Unternehmen verließ. Ob der Personalwechsel Ursache oder Symptom der Krise war, lässt sich von außen nicht sauber trennen. Fakt ist: Neues Management trifft auf eine Finanzplanung, die kaum noch etwas mit der ursprünglichen Wachstumsstory zu tun hat.
Der Kursverlauf spiegelt diesen Bruch schonungslos. Die Aktie notiert aktuell bei 1,70 Euro und hat allein in den vergangenen 30 Tagen 65,94 Prozent ihres Wertes verloren. Ein Relative-Stärke-Index von 16,3 signalisiert eine massiv überverkaufte Situation – technisch ein Alarmsignal, das für mich aber vor allem eines zeigt: Der Markt hat das Vertrauen in die Prognosefähigkeit des Managements fürs Erste verloren.
Ukraine-Einsatz und Zukauf als Gegengewicht
Inmitten dieser Talfahrt gibt es Entwicklungen, die zumindest strategisch Substanz haben. Mitte Juli hat Circus den Live-Betrieb mit ukrainischen Bodentruppen aufgenommen, konkret mit dem 3. Army Corps im Raum Kiew, gestützt auf eine behördliche Zertifizierung des ukrainischen Dienstes für Lebensmittelsicherheit. Anfang Juli schloss das Unternehmen zudem die Übernahme des belgischen Food-Robotik-Unternehmens Alberts ab – bezahlt überwiegend mit 1,2 Millionen neuen Aktien, die bis September 2028 einer Lock-up-Frist unterliegen.
Diese beiden Schritte lesen sich wie der Versuch, operative Substanz aufzubauen, während die kurzfristige Finanzplanung in Trümmern liegt. Aus früheren Monaten ist bekannt, dass Circus im April eine Systemverfügbarkeit von 92 Prozent erreichte, deutlich über der Mindestvorgabe von 85 Prozent und weit über den 70 Prozent zu Jahresbeginn. Operativ scheint also nicht alles schiefzulaufen – die Technik funktioniert offenbar zunehmend zuverlässig. Das Problem liegt eher in der kommerziellen Umsetzung, also darin, aus funktionierender Technik tatsächlich Umsatz zu generieren.
Auch der Insiderkauf passt in dieses Bild der Uneindeutigkeit: Mitte Juli erwarb Dr. Jan-Christian Heins, laut Mitteilung eine sonstige Führungsperson des Unternehmens, gut 5.000 Aktien zu je 2,15 Euro – zu einem Kurs, der inzwischen deutlich über dem aktuellen Niveau liegt. Das ist kein Beweis für eine Wende, aber ein Zeichen, dass jemand mit Einblick ins Unternehmen zumindest kein Fluchtverhalten zeigt.
Analysten ziehen die Reißleine
Die Reaktion der Analysten fällt dagegen eindeutig aus. Montega AG senkte ihr Kursziel Ende Juli von 10,00 auf 2,20 Euro und stufte die Aktie von „Kaufen“ auf „Halten“ zurück. mwb research kappte im selben Zeitraum sein Kursziel von 46,00 auf 8,40 Euro, verbunden mit einem Downgrade von „Buy“ auf „Speculative Buy“ – bestätigte dieses spekulative Rating aber bei 8,40 Euro. Der Analystenkonsens insgesamt wanderte von 19,00 auf 3,00 Euro nach unten. Selbst das spekulativste verbliebene Rating liegt damit weit über dem aktuellen Kursniveau, was zeigt: Selbst die vorsichtig gebliebenen Optimisten kalkulieren offenbar mit einer deutlichen Erholung, die im Tagesgeschäft bislang nicht sichtbar ist.
Unterm Strich sehe ich bei Circus zwei Realitäten, die nebeneinander existieren. Operativ und strategisch gibt es mit dem Ukraine-Einsatz, der Alberts-Übernahme und der verbesserten Systemverfügbarkeit echte Fortschritte. Finanziell aber hat sich die Story binnen Wochen von einem Wachstumsversprechen in eine Vertrauenskrise verwandelt. Die Hauptversammlung am 20. August dürfte zeigen, wie belastbar die Erklärungen des neuen Managements für Aktionäre tatsächlich sind. Bis dahin bleibt die Aktie für mich ein Fall, bei dem operative Hoffnungszeichen und finanzielle Realität so weit auseinanderklaffen wie selten zuvor.
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