Wer sich die vergangenen Wochen bei Circus SE ansieht, muss zwei Bilder gleichzeitig im Kopf behalten. Auf der einen Seite steht ein Unternehmen, das binnen wenigen Tagen seine Wachstumsstory einkassiert hat. Auf der anderen Seite meldet dieselbe Firma Truppeneinsätze, Übernahmen und Marktzulassungen, als wäre nichts geschehen. Für mich ist genau dieser Widerspruch der Kern der Geschichte – und er macht die Aktie zu einem der schwierigsten Fälle am deutschen Small-Cap-Markt.

Der Prognosekollaps und seine Folgen

Am 16. Juli veröffentlichte Circus SE eine Ad-hoc-Meldung, die alles andere überstrahlte: Der Umsatzausblick für 2026 schrumpfte von 44 bis 55 Millionen Euro auf nur noch 5,2 Millionen Euro. Gleichzeitig weitete sich der erwartete EBITDA-Verlust von 6 bis 8 Millionen auf rund 17 Millionen Euro aus. Der Auslöser: Der Rollout der Küchenroboter-Systeme wurde ins Jahr 2027 verschoben. Das ist keine kosmetische Korrektur, das ist ein Bruch mit der bisherigen Erzählung vom schnell skalierenden Robotik-Anbieter.

Die Analysten reagierten prompt und schonungslos. Montega AG senkte am 20. Juli ihr Kursziel von 10,00 auf 2,20 Euro und stufte die Aktie von „Kaufen“ auf „Halten“ zurück. Mwb research kappte Mitte Juli sein Ziel sogar von 46,00 auf 8,40 Euro und wechselte von „Buy“ zu „Speculative Buy“. Wenn zwei Häuser ihre Kursziele binnen Tagen um teils über 80 Prozent zusammenstreichen, ist das kein Rauschen – das ist ein Vertrauensverlust in die eigene Prognosefähigkeit des Managements. Aus meiner Sicht war genau diese Prognosekompetenz das Fundament, auf dem die hohen Bewertungen der vergangenen Jahre ruhten. Es bröckelt.

Operatives Tempo trotz Krise

Und doch: Parallel zur Prognosekatastrophe lässt Circus SE eine beachtliche operative Schlagzahl erkennen. Am selben Tag der Ad-hoc-Meldung gab das Unternehmen bekannt, dass Verpflegungsroboter im Live-Betrieb bei der 3. Angriffsbrigade der ukrainischen Bodentruppen im Raum Kiew eingesetzt werden – Basis ist eine Rahmenvereinbarung von Dezember 2025 über bis zu 25 autonome Systeme. Anfang Juli kam die regulatorische Zertifizierung für die Vereinigten Arabischen Emirate hinzu, der kommerzielle Rollout in Abu Dhabi läuft an. Am 3. Juli schloss das Unternehmen die Übernahme des belgischen Food-Robotik-Anbieters Alberts ab, bezahlt in eigenen Aktien mit 30-monatiger Lockup-Frist – nach der bereits im April abgeschlossenen Übernahme von K-Robotics zur Beschleunigung des US-Markteintritts.

Auch personell zieht Circus SE die Reißleine in Richtung Professionalisierung: Anfang Juli übernahm Christian Bauer, ein früherer Führungsmanager aus der Luftfahrt- und Automobilbranche, den Posten des Co-CEO/CFO. Mitgründer Fabian Becker wechselte in den Aufsichtsrat der Rüstungstochter Circus Defence, Mitgründer Claus Holst Gydesen übernahm ein Beiratsmandat. Bemerkenswert finde ich zudem, dass Aufsichtsratsmitglied Dr. Jan-Christian Heins am 20. Juli 5.000 eigene Aktien zu 2,15 Euro kaufte – ein kleines, aber symbolisch nicht unwichtiges Signal aus den eigenen Reihen, gerade in einer Phase des Vertrauensverlusts.

Was der Kurs jetzt sagt

Der Markt hat das alles bereits eingepreist, und zwar brutal: Der Kurs verlor in den vergangenen 30 Tagen 64,54 Prozent und schloss am Freitag bei 1,77 Euro. Der Relative-Stärke-Index von 19,1 signalisiert eine extreme Überverkauft-Situation, was solche Kennzahlen-Screener allerdings nur bedingt aussagekräftig macht – sie ersetzen keine fundamentale Einschätzung. Am kommenden 20. August steht die virtuelle Hauptversammlung an, ohne physische Präsenz der Aktionäre. Für mich wird dieser Termin zum ersten echten Stimmungstest, ob die operativen Erfolge – Ukraine, VAE, Alberts – das massiv beschädigte Vertrauen in die Prognosefähigkeit wieder aufwiegen können.

Unterm Strich sehe ich ein Unternehmen, das operativ offenbar mehr kann, als es kommunizieren konnte. Die Diskrepanz zwischen Wachstumsversprechen und Lieferfähigkeit war eklatant, und der Kurssturz spiegelt diese Enttäuschung völlig zu Recht wider. Ob die jüngsten Fortschritte in Verteidigung, Nahost und Benelux tragfähig genug sind, um die verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, bleibt für mich die entscheidende offene Frage – die Antwort dürfte sich erst in den kommenden Quartalsberichten zeigen, nicht schon auf der Hauptversammlung.