Während die Übernahme durch UniCredit ihrer Entscheidung entgegengeht, holt die Commerzbank ein altes Kapitel wieder ein. Die Staatsanwaltschaft erhob laut Reuters am Donnerstag Anklage gegen vier ehemalige Mitarbeiter der Bank wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung aus dem Jahr 2008. Die Commerzbank selbst betonte, sie sei nicht Partei des Verfahrens.
Die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte, um die es geht, liegen fast zwei Jahrzehnte zurück. Dass sie ausgerechnet jetzt juristisch aufgearbeitet werden, fällt in eine Phase, in der die Bank ohnehin im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.
UniCredit hatte sich nach dem Aktientausch im Juli auf rund 47,6 Prozent des Kapitals vorgearbeitet, was knapp 49,7 Prozent der Stimmrechte entspricht – die Mehrheitskontrolle rückt näher. Die EZB zeigte sich vor gut einer Woche zur Genehmigung der Übernahme geneigt, die Aktie hat seither um 1,8 Prozent nachgegeben.
Ein zweites Standbein: Staatsanleihen als Wachstumstreiber
Parallel zur Übernahmefrage rückt ein Geschäftsfeld in den Blick, das mit dem Machtkampf um die Bank nichts zu tun hat, aber die operative Perspektive der Commerzbank prägt. Reuters berichtete am Freitag im Kontext der deutschen Schuldenemissionen, dass die Bank für 2027 ein Rekordangebot deutscher Bundesanleihen von 400 Milliarden Euro brutto erwarte.
Ein derart hohes Emissionsvolumen bedeutet für eine Bank mit starkem Fixed-Income-Geschäft potenziell mehr Handelsaktivität und Provisionseinnahmen – ein Umstand, der in der aktuellen Übernahmedebatte leicht untergeht, für die Ertragslage aber relevant ist.
Die Commerzbank hatte vor rund zwei Wochen mit einem Rekordergebnis für das erste Halbjahr überrascht und die Jahresprognose angehoben: Der Nettogewinn für 2026 soll nun mindestens 3,4 Milliarden Euro erreichen, nach zuvor „mehr als 3,2 Milliarden Euro“. Zugleich kündigte das Institut ein weiteres Aktienrückkaufprogramm über 1,2 Milliarden Euro an. Die Aktie legte seither um 1,4 Prozent zu.
Politik öffnet sich, Strategie bleibt offen
Auf politischer Ebene bewegt sich derweil einiges. Teile der Bundesregierung signalisierten laut Medienberichten Gesprächsbereitschaft, die verbliebene Staatsbeteiligung von 12,7 Prozent an UniCredit zu verkaufen – vorausgesetzt, beide Banken einigen sich zuvor auf eine gemeinsame Strategie.
Reuters berichtete zudem, UniCredit-Chef Andrea Orcel plane einen Umbau der Commerzbank mit einer Kostenreduzierung um 1,3 Milliarden Euro; die Bank solle bis 2029/2030 organisatorisch getrennt vom deutschen UniCredit-Geschäft bleiben.
Am Freitag schloss die Commerzbank-Aktie bei 39,08 Euro, ein Plus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vortag. Damit notiert das Papier rund 2,6 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 40,11 Euro, das im August erreicht wurde, und liegt zugleich deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 35,40 Euro. Die Bewertung spiegelt damit sowohl die operative Stärke als auch die Erwartung einer baldigen Klärung der Eigentümerfrage wider.
Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex: Ein historisch starkes operatives Geschäft, ein absehbares Rekordjahr bei deutschen Bundesanleihen als Rückenwind, dazu eine juristische Altlast und ein Übernahmeprozess, dessen strategische Ausgestaltung – anders als die Kapitalmehrheit – noch nicht feststeht.
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