Corning-Aktien fallen und fallen. Am Dienstag rutscht das Papier um weitere 2,33 Prozent auf 164,98 Euro ab. Binnen sieben Handelstagen hat der Glas- und Glasfaserhersteller damit 26,20 Prozent verloren. Ausgerechnet jetzt schraubt eine große Wall-Street-Bank ihr Kursziel nach oben.
BofA Securities hebt das Kursziel für Corning von 223 auf 243 Dollar an und bestätigt die Kaufempfehlung. Analyst Wamsi Mohan sieht darin ein Aufwärtspotenzial von rund 23,5 Prozent gegenüber dem Kurs von 196,79 Dollar am 6. Juli. Der Optimismus stützt sich vor allem auf ein Segment: die optische Kommunikation.
Optisches Geschäft treibt das Wachstum
Mohan macht die Sparte Optical Communications als zentralen Wachstumstreiber aus. Der Grund: Der Ausbau von KI-Infrastruktur braucht massenhaft Glasfaser, Verbindungstechnik und Verkabelung. BofA rechnet für das zweite Quartal mit 2,05 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Bereich, ein Plus von 30,7 Prozent zum Vorjahr.
Innerhalb der Sparte sticht das Unternehmenskunden-Geschäft heraus. Die Bank erwartet hier ein Umsatzplus von 45 Prozent auf 1,12 Milliarden Dollar. Das Carrier-Geschäft soll um 17 Prozent auf 932 Millionen Dollar wachsen, angetrieben von Nachfrage rund um Lumen Technologies, Rechenzentren-Verbindungen und Glasfaser-Ausbauprojekte bis ins Wohnhaus.
Nicht jedes Segment läuft rund. Die Solarsparte bremst kurzfristig: Ein Wafer-Wechsel soll im zweiten Quartal rund 30 Millionen Dollar zusätzliche Kosten verursachen und die Margen belasten. Erst in der zweiten Jahreshälfte soll sich der Effekt abschwächen. Die Sparte Glass Innovations dagegen hält sich stabil, getragen von Spezialmaterialien mit Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich.
Langfristige Wetten auf Chip-Verpackung
Mohan blickt auch über das laufende Jahr hinaus. Corning arbeitet an fortschrittlicher Chip-Verpackungstechnik, darunter Glassubstrate, die erst 2029 bis 2030 marktreif sein sollen. Hinzu kommt die GlassBridge-Technologie für dichte Faserausrichtung in optischen Co-Packaging-Lösungen.
Diese Projekte verändern die kurzfristigen Zahlen nicht. Sie könnten aber den langfristigen SpringBoard-Plan des Unternehmens stützen und die Bewertung nach oben treiben, so die Einschätzung der Bank.
BofA hebt parallel die Gewinnschätzungen an. Für 2028 erwartet die Bank nun 6,50 Dollar Gewinn je Aktie statt zuvor 5,95 Dollar. Die Umsatzprognose liegt bei 19,32 Milliarden Dollar für 2026 und steigt nach BofA-Schätzung bis 2028 auf 30,57 Milliarden Dollar. Mit dem Multiplikator von 37 auf den 2028er-Gewinn bewertet die Bank Corning deutlich über dem Marktdurchschnitt — begründet mit der Erholung in den Sparten Display, Environmental und Specialty sowie dem mehrjährigen Wachstum im Optik-Geschäft durch Hyperscaler und generative KI.
Für das zweite Quartal erwartet Mohan einen Umsatz von 4,65 Milliarden Dollar. Das läge über der eigenen Prognose von Corning, die bei etwa 4,6 Milliarden Dollar liegt.
Eine ganze Reihe optimistischer Stimmen
BofA steht mit der Anhebung nicht allein. Mehrere Banken haben ihre Kursziele zuletzt nach oben korrigiert:
- Bank of America: Kursziel auf 243 Dollar angehoben (6. Juli), Rating: Buy
- Mizuho: Kursziel auf 270 Dollar angehoben (1. Juli)
- Truist Securities: Kursziel auf 205 Dollar angehoben (22. Juni), Rating: Hold
Im Schnitt der 13 Analysten, die aktuelle Kursziele nennen, ist der Zielwert von 213,15 auf 214,69 Dollar gestiegen. Die Spanne reicht von 180 bis 270 Dollar. Unter allen 20 Analysten, die Corning covern, überwiegt mit 14 Kaufempfehlungen gegenüber fünf Halteempfehlungen und einem Verkaufsvotum weiterhin klar die positive Einschätzung.
Die Kluft zwischen Analystenmeinung und Kursverlauf bleibt trotzdem auffällig. Die Aktie notiert derzeit rund 31 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 238,30 Euro, das erst am 30. Juni erreicht wurde. Der RSI von 46,4 deutet auf keine Überverkauft-Situation hin, während die annualisierte Volatilität von über 112 Prozent zeigt, wie nervös der Handel in den vergangenen Wochen war.
Auf Jahressicht bleibt die Bilanz für Corning-Aktionäre trotz des jüngsten Einbruchs beeindruckend. Der Kurs liegt noch immer 268,79 Prozent über dem Niveau vor zwölf Monaten und rund 273 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 44,14 Euro. Ob die aktuelle Schwäche eine Verschnaufpause nach der Kursrally ist oder der Beginn einer längeren Korrektur, dürfte sich auch an den Quartalszahlen zeigen, die Mohan bereits als Signal für eine stärkere zweite Jahreshälfte einordnet.
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