Ein Rekordquartal, das die Börse mit dem stärksten Kursrückgang seit über zwei Jahrzehnten quittiert — bei Corning klaffen Zahlen und Reaktion so weit auseinander wie selten. Die Aktie des Glas- und Glasfaserherstellers brach am Dienstag um rund 18 Prozent ein und markierte damit den schwächsten Handelstag seit Juli 2002, als es 21,59 Prozent nach unten ging.

Dabei lieferte Corning auf den ersten Blick solide Werte. Der Nettogewinn kletterte im zweiten Quartal auf 559 Millionen Dollar beziehungsweise 0,64 Dollar je Aktie, nach 469 Millionen Dollar im Vorjahresquartal. Der bereinigte Kerngewinn lag bei 0,78 Dollar je Aktie und übertraf die Analystenschätzung von 0,76 Dollar. Der Nettoumsatz stieg auf 4,505 Milliarden Dollar von 3,862 Milliarden Dollar im Vorjahr.

Ausblick reißt die Rally

Der Haken steckt im Blick nach vorn. Für das dritte Quartal rechnet Corning mit einem Anstieg des Kernumsatzes von rund 16 Prozent auf eine Spanne von 4,9 bis 5,0 Milliarden Dollar — die Konsensschätzung lag bei 5,0 Milliarden Dollar, also am oberen Rand der eigenen Prognose. Genau dieser knapp verfehlte Konsens reichte, um die Kursreaktion auszulösen. Der Markt hatte offenbar mehr erwartet, nachdem Corning zuletzt als einer der Profiteure des KI-Booms galt.

Die Optik- und Glasfasersparte des Unternehmens ist inzwischen fest im Ausbau von Rechenzentren für künstliche Intelligenz verankert — ihre Technik verbindet Racks, Chips und Anlagen mit hoher Geschwindigkeit. Im Juni hatte Corning einen mehrjährigen Vertrag mit Amazon zur Versorgung von dessen wachsender Rechenzentrums-Flotte abgeschlossen, einen von mehreren milliardenschweren Deals der vergangenen Monate mit Hyperscalern und KI-Unternehmen.

Der Ausverkauf blieb nicht auf Corning beschränkt. Auch Konkurrenten aus dem Bereich optischer Komponenten wie Marvell, Lumentum, AXT und Coherent gaben nach den Zahlen zweistellig nach — ein Hinweis darauf, dass Anleger die Wachstumserwartungen für die gesamte Optik-Branche im KI-Segment neu justieren. Ob sich die Reaktion als Überreaktion auf ein im Kern starkes Quartal erweist oder als Vorbote nachlassender Dynamik im KI-Infrastrukturgeschäft, dürfte sich erst in den kommenden Wochen an der Kursstabilisierung ablesen lassen.