Es gibt Aktien, bei denen die Zahlen so absurd aussehen, dass man kurz innehält. D-Wave Quantum ist so ein Fall: Eine Nettomarge von minus 2001,59 Prozent, ein Umsatz von 24,59 Millionen Dollar bei einem Nettoverlust von 355,06 Millionen Dollar. Wer diese Relation zum ersten Mal sieht, fragt sich unweigerlich: Warum kaufen Analysten so einen Wert trotzdem?

Die Antwort liegt nicht in der Gegenwartsbilanz, sondern in der Wette auf eine Zukunft, die gerade erst Konturen annimmt. Von den Analysten, die D-Wave beobachten, vergeben zwölf ein „Buy“, einer ein „Strong Buy“, nur einer „Hold“ und keiner ein „Sell“. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 36,36 Dollar – rein rechnerisch ein Potenzial von 71,74 Prozent gegenüber dem Stand, den die Analysten ihrer Bewertung zugrunde legen.

Solche Diskrepanzen zwischen Bilanz und Kurszielen sind im Quantencomputing-Sektor fast schon Normalzustand, aber bei D-Wave wirkt sie besonders zugespitzt.

Ein Konzern, der von Zuschüssen und Partnerschaften lebt

Was aktuell für Bewegung sorgt, sind zwei Meldungen, die exemplarisch zeigen, wie D-Wave sein Geschäft aufbaut: einerseits Grundlagenforschung, andererseits kommerzielle Nähe zu etablierten Playern.

Das Unternehmen erhielt von der US-amerikanischen National Science Foundation einen Zuschuss über 1,57 Millionen Dollar für das sogenannte ERASE-Projekt, das sich der Entwicklung fehlertoleranter Quantencomputer widmet.

Im Zentrum steht eine Dual-Rail-Gate-Modell-Technologie, an der D-Wave gemeinsam mit der Yale University arbeitet – ein Wissen, das erst durch die Übernahme von Quantum Circuits, Inc. ins Haus kam.

Parallel dazu vertieft D-Wave seine Partnerschaft mit Nasdaq Verafin, um Quantencomputing für die Erkennung von Finanzkriminalität einzusetzen. Die Zusammenarbeit soll über Machbarkeitsstudien hinaus in echte Risiko- und Compliance-Workflows im Bankensektor münden. Genau das ist die Geschichte, die D-Wave-Investoren derzeit tragen soll: nicht mehr nur Forschungslabor, sondern ein Zulieferer für Institutionen, die reale Probleme lösen wollen.

Nur: Bislang bleibt es überwiegend bei Proof-of-Concepts. Die Risiken, die mit dieser Wette einhergehen, sind bekannt und wiederholen sich in nahezu jeder Analyse des Unternehmens – anhaltende Nettoverluste, keine erwartete Profitabilität in den kommenden drei Jahren, und eine Abhängigkeit von wenigen großen Aufträgen, die das Geschäft im Zweifel kippen oder tragen können.

Die Branche wettet auf einen Zeithorizont, den niemand exakt kennt

D-Wave steht damit stellvertretend für ein ganzes Feld von Unternehmen, die auf einen Umbruch spekulieren, dessen Zeitpunkt selbst die größten Technologiekonzerne nur vage datieren. Wenn selbst ein Konzern wie IBM den kommerziell relevanten Umsatzschub im Quantencomputing erst für die Jahre 2028 bis 2029 erwartet, sagt das viel darüber aus, wie früh diese Branche wirklich noch steht.

D-Wave, Rigetti und IonQ kämpfen parallel um dieselbe Erzählung: Wachstumsraten, die im Vergleich zum Vorjahr atemberaubend klingen, aber von einer extrem niedrigen Basis aus gemessen werden.

Institutionelle Investoren scheinen dieser Erzählung zumindest teilweise zu vertrauen: 42,5 Prozent der Anteile an D-Wave liegen in institutioneller Hand, während Insider nur 1,3 Prozent halten. Das ist ein bemerkenswertes Ungleichgewicht – Fondsmanager setzen deutlich stärker auf das Unternehmen als jene, die es von innen kennen.

Der aktuelle Kurs von 18,47 Euro bewegt sich nur knapp über dem 50-Tage-Durchschnitt von 18,28 Euro, was auf eine gewisse Stabilisierung nach den heftigen Ausschlägen der vergangenen Monate hindeutet. Gleichzeitig liegt die Aktie noch immer gut die Hälfte unter ihrem 52-Wochen-Hoch vom Oktober – ein Abstand, der zeigt, wie sehr Euphorie und Ernüchterung in diesem Sektor aufeinanderfolgen können.

Am Ende bleibt die Grundspannung bestehen: Ein Unternehmen, das operativ tiefrote Zahlen schreibt, aber mit Zuschüssen, Forschungspartnerschaften und Pilotprojekten bei Banken eine Erzählung von zukünftiger Relevanz aufrechterhält.

Ob aus dieser Erzählung ein tragfähiges Geschäftsmodell wird, hängt weniger von einzelnen Fördergeldern ab als davon, ob aus Machbarkeitsstudien irgendwann wiederkehrende, große Aufträge werden. Genau das ist die Wette, die alle eingehen, die heute in dieses Segment investieren.