Es gibt Aktien, die an einem Trend hängen, und es gibt Aktien, die selbst zum Trend werden sollen. D-Wave Quantum wollte lange beides sein – der Vorreiter im Quantencomputing und gleichzeitig der Beweis, dass sich das Geschäftsmodell schon heute rechnet. Die jüngsten Zahlen liefern dafür tatsächlich Argumente. Nur der Kurs will davon nichts wissen.
Die Buchungen explodieren, der Umsatz hinkt hinterher
Im ersten Halbjahr wuchsen die Buchungen von D-Wave um 1.120 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 35,5 Millionen Dollar. Der Auftragsbestand (RPO) lag zum 30. Juni bei 40,7 Millionen Dollar. Das sind Wachstumsraten, von denen etablierte Tech-Konzerne nur träumen können.
Der tatsächliche Quartalsumsatz blieb mit 3,1 Millionen Dollar davon jedoch weit entfernt – ein Bild, das für junge Quantencomputing-Firmen typisch ist: Verträge werden geschlossen, aber erst über Jahre abgerechnet.
Finanziell steht D-Wave dabei auffällig solide da. Mit 546 Millionen Dollar Cash-Bestand hat das Unternehmen einen Puffer, der in dieser Branche selten ist. Hinzu kommt eine Investition der US-Regierung in Höhe von 100 Millionen Dollar – ein politisches Signal, dass Washington das Thema Quantencomputing als strategisch relevant einstuft.
Zu den Kunden zählen mittlerweile Namen wie Toyota, Deloitte, Mastercard und Volkswagen. Das ist kein Feld voller Start-up-Wetten mehr, sondern eines, in dem Konzerne aus Industrie, Beratung und Finanzwesen ernsthaft testen, ob sich Quantenansätze für reale Probleme lohnen.
Der Analyst Larry Ramer ordnet D-Wave in diesem Umfeld als solide, aber nicht als beste Adresse im Sektor ein. Er verweist auf den Konkurrenten Quantinuum, der mit Buchungen von 81 Millionen Dollar seit Jahresbeginn, einem RPO von 74 Millionen Dollar und einem Cash-Polster von 2,1 Milliarden Dollar deutlich größer dimensioniert ist und mit JPMorgan, Airbus, HSBC und BMW ebenfalls prominente Kunden vorweisen kann. BMO bleibt für D-Wave trotzdem bei „Outperform“ mit einem Kursziel von 35 Dollar.
Ein Sektor, der laufend neue Kapitel schreibt
Das Spannende an diesem Markt ist, dass sich die Fortschritte nicht auf ein Unternehmen konzentrieren. Während D-Wave an Buchungszahlen arbeitet, meldet die australische Forschungsorganisation CSIRO einen Quantenbatterie-Prototyp, der durch einen Effekt namens Superabsorption schneller lädt, je größer seine Kapazität wird – bei Raumtemperatur, wenn auch bislang nur für Nanosekunden speicherfähig.
Die Anwendung zielt zunächst auf Quantencomputer selbst, nicht auf Alltagselektronik. Es ist ein kleines Puzzlestück, das zeigt: Die gesamte Infrastruktur um Quantentechnologie herum bewegt sich, nicht nur die Rechnerarchitekturen.
Auch beim Wettbewerber IonQ tut sich etwas – dort wurden mit Eric Ball und Timothy Baxter zwei neue Vorstandsmitglieder berufen, die Kapitalmarkt- und Halbleiter-Expertise einbringen sollen. Das unterstreicht, dass die Branche in eine Phase eintritt, in der Governance und industrielle Integration genauso wichtig werden wie reine Forschungsergebnisse.
Was der Kursverlauf über die Stimmung sagt
Trotz der Buchungsrekorde zeigt sich am Aktienmarkt Skepsis. Der Schlusskurs von D-Wave lag am Mittwoch bei 15,04 Euro, nach einem Tagesverlust von 9,3 Prozent – ein deutliches Zeichen dafür, dass Anleger die Lücke zwischen Buchungswachstum und tatsächlichem Umsatz kritisch beäugen. Die Aktie notiert damit rund 63 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 40,41 Euro, das sie im Oktober vergangenen Jahres erreicht hatte.
Das ist die eigentliche Geschichte hinter D-Wave: ein Unternehmen, das operative Fortschritte in Rekordtempo vorweist, während der Markt lieber auf den Beweis wartet, dass sich daraus nachhaltiger Umsatz formt. Die Cash-Reserve gibt der Firma Zeit, diesen Beweis anzutreten. Ob die Anleger diese Zeit ebenfalls aufbringen, ist eine andere Frage – eine, die sich angesichts der Volatilität in diesem jungen Sektor täglich neu stellt.
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