Wer die Nachrichtenlage rund um D-Wave Quantum in den vergangenen Wochen verfolgt hat, konnte leicht den Überblick verlieren: Ein CFO-Abgang, eine Ratingabstufung, verfehlte Quartalszahlen – und mittendrin ein Analystenhaus, das ausgerechnet jetzt mit einem der optimistischsten Kursziele der gesamten Branche einsteigt. Für mich ist genau dieser Kontrast der eigentliche Punkt, an dem sich entscheidet, wie man die Aktie derzeit einordnen sollte.
BMO Capital nahm die Coverage von D-Wave Quantum am Dienstag vergangener Woche mit einem Outperform-Rating auf und setzte ein Kursziel von 35 US-Dollar. Gemessen am aktuellen Kursniveau von 14,48 Euro ist das eine ambitionierte Ansage – und sie fällt in eine Phase, in der andere Marktbeobachter eher zurückhaltend werden.
Zacks Research etwa hatte die Aktie bereits Mitte August von einer Strong-Buy- auf eine Hold-Einstufung zurückgenommen. Zwei Häuser, zwei völlig unterschiedliche Signale, kaum eine Woche auseinander. Das zeigt vor allem eines: Die Einschätzung von D-Wave hängt derzeit stark davon ab, ob man auf das langfristige Technologieversprechen oder auf die kurzfristigen operativen Zahlen schaut.
Die operative Realität bleibt dünn
Und die operativen Zahlen geben durchaus Anlass zur Vorsicht. Im zweiten Quartal verfehlte D-Wave sowohl bei der Umsatz- als auch bei der Ergebnisseite die Erwartungen der Analysten deutlich, wie mehrere Marktberichte übereinstimmend meldeten.
Für ein Unternehmen, das sich als Vorreiter im Quantencomputing positioniert, ist eine derart schmale Umsatzbasis kein Nebenschauplatz, sondern der Kern des Bewertungsproblems. Wer der Aktie eine hohe Marktkapitalisierung von aktuell rund 5,29 Milliarden Euro zubilligt, kauft im Wesentlichen ein Zukunftsversprechen – nicht ein bestehendes Geschäft.
Dazu passt, dass Insider zuletzt eher Kasse gemacht als nachgekauft haben. Berichten zufolge verkauften Führungskräfte und andere Insider in den vergangenen drei Monaten in nennenswertem Umfang Aktien, darunter auch der scheidende Finanzchef John Markovich.
Solche Verkäufe sind nicht automatisch ein Alarmsignal – sie fallen häufig mit geplanten Ausübungen oder steuerlichen Überlegungen zusammen. Doch in Kombination mit dem bevorstehenden CFO-Wechsel zum 2. September und der jüngsten Kursschwäche summiert sich das zu einem Bild, das ich nicht einfach als Rauschen abtun würde.
Warum ich die Substanz trotzdem nicht abschreibe
Auf der anderen Seite steht, dass D-Wave im Jahresverlauf durchaus greifbare Fortschritte bei der Kommerzialisierung vorweisen kann. Im Mai vermeldete das Unternehmen eine Absichtserklärung über eine mögliche Förderung von 100 Millionen US-Dollar aus dem CHIPS and Science Act, verwaltet vom US-Handelsministerium – ein potenziell substanzieller Kapitalzufluss, sollte er sich konkretisieren.
Bereits im Januar hatte D-Wave zudem einen auf zwei Jahre angelegten Vertrag über 10 Millionen US-Dollar mit einem Fortune-100-Unternehmen im Bereich Quantum Computing as a Service vermeldet. Beide Meldungen zeigen, dass D-Wave durchaus in der Lage ist, zahlende Großkunden und staatliche Fördertöpfe zu erschließen – auch wenn sich das bislang nicht in den Quartalsumsätzen niederschlägt.
Unterm Strich sehe ich D-Wave Quantum als eine Aktie, bei der zwei Zeithorizonte hart aufeinanderprallen. Kurzfristig sprechen schwache Quartalszahlen, ein Führungswechsel im Finanzressort und Insiderverkäufe gegen Zuversicht.
Langfristig könnte die technologische Positionierung – gestützt durch Förderzusagen und Großkundenverträge – das aggressive Kursziel von BMO Capital rechtfertigen. Für mich überwiegt derzeit die Unsicherheit: Wer an die Quantencomputing-These glaubt, muss bereit sein, die operative Durststrecke und die widersprüchlichen Signale aus dem eigenen Management auszuhalten.
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