Manchmal reicht ein einziges Kürzel, um eine ganze Branche in Bewegung zu setzen. Am Freitag war es BMO Capital, das mit seiner ersten Bewertung von D-Wave Quantum gleich eine ganze Kaskade auslöste: plus 8,5 Prozent für die Aktie, ein Kursziel von 35 Dollar, ein „Outperform“-Rating – und ein Kurssprung, der sich über den gesamten Sektor der Quantencomputing-Werte zog.

Rigetti, Infleqtion, IonQ – sie alle legten zweistellig zu, obwohl BMO nur D-Wave namentlich erwähnte. Das ist die eigentliche Geschichte dieser Woche: Eine Branche, die kollektiv atmet, sobald eine einzelne Stimme aus der Wall Street ihr Vertrauen ausspricht.

Warum ausgerechnet D-Wave?

BMO-Analyst Harsh Kumar begründete seine Kaufempfehlung damit, dass D-Wave als einziges Unternehmen im Feld sowohl auf das Annealing-Verfahren als auch auf das Gate-Modell setzt – und damit, anders als viele Wettbewerber, bereits kommerzielle Umsätze generiert.

Die Zahlen, die dahinterstehen, sind tatsächlich beeindruckend: Die Buchungen im ersten Halbjahr 2026 kletterten um 1.120 Prozent auf 35,5 Millionen Dollar, der Auftragsbestand (RPO) wuchs um 668 Prozent auf 40,7 Millionen Dollar. Kumar rechnet bis 2030 mit einem Umsatz von 444 Millionen Dollar – das Zehnfache des aktuellen Niveaus.

Nur: Der Umsatz im zweiten Quartal lag bei mageren 3,1 Millionen Dollar und verfehlte die Erwartungen. Der Verlust je Aktie fiel mit 0,13 Dollar größer aus als die von Analysten geschätzten 0,09 Dollar. D-Wave bleibt, was es seit Jahren ist: ein Unternehmen, das enorm wächst, aber noch weit von der Profitabilität entfernt ist. BMO selbst rechnet bis 2030 mit anhaltenden Verlusten.

Zwischen Unterbewertung und Kapitalverwässerung

Hier wird die Sache widersprüchlich, und genau das macht D-Wave zu einem Lehrstück für die gesamte Deep-Tech-Bewertung dieser Tage. Auf der einen Seite steht ein rechnerischer „Fair Value“ von 40,65 Dollar gegenüber einem Schlusskurs von 20,39 Dollar am Donnerstag – eine implizierte Unterbewertung von knapp 50 Prozent, die in mehreren Marktkommentaren kursiert.

Auf der anderen Seite warnt ein anderes Bewertungsmodell vor einer Überbewertung von mehr als 150 Prozent, gestützt auf ein Kurs-Buch-Verhältnis von rund 7, während die US-Softwarebranche im Schnitt bei etwa 3 liegt. Zwei seriöse Rechenmodelle, zwei diametral entgegengesetzte Schlüsse – wer hier eine einfache Wahrheit sucht, wird enttäuscht.

Was beide Seiten eint, ist die Cash-Position: D-Wave verfügt über 546 Millionen Dollar in der Kasse, die laut eigenen Angaben bis 2031 reichen soll. Das ist ein komfortabler Puffer in einer Branche, in der viele Wettbewerber deutlich früher an ihre Grenzen stoßen – Rigetti etwa kalkuliert seine Reserven nur bis 2030. Risiken bleiben dennoch: hoher Cash-Burn und die Möglichkeit weiterer Kapitalverwässerung durch neue Aktienausgaben werden in mehreren Einschätzungen explizit genannt.

Der größere Rahmen: Politik als Kurstreiber

Was den Ausschlag für die breite Sektorrally am Freitag gab, war übrigens nicht allein BMO. Parallel kursierten Erwartungen, wonach das US-Handelsministerium Fördermittel von bis zu 100 Millionen Dollar für Quantenunternehmen wie Infleqtion und Rigetti in Aussicht stellen könnte – flankiert von Ankündigungen aus dem Weißen Haus.

Der breitere Defiance Quantum ETF legte dagegen nur moderat um 0,5 Prozent zu, ein Hinweis darauf, dass die Euphorie sich vor allem auf einzelne Namen konzentrierte, nicht auf die Branche als Ganzes.

Für D-Wave bedeutet das: Der Kurs bewegt sich derzeit knapp unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 17,98 Euro und liegt rund 57 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 40,41 Euro, das im Oktober erreicht wurde. Über zwölf Monate steht dennoch ein Plus von 37 Prozent zu Buche.

Die Aktie bleibt damit, was sie war, bevor BMO sich äußerte: ein Wetten auf technologisches Wachstum, dessen Zeithorizont sich in Jahren, nicht in Quartalen bemisst – und dessen Bewertung, je nach Modell, entweder ein Schnäppchen oder ein Warnsignal ist.