Ein CFO-Abgang allein ist selten eine Katastrophe. Bei D-Wave Quantum trifft die Nachricht aber auf ein Umfeld, das schon vorher nervös war – und das sagt mehr über den Zustand der Quantencomputing-Branche als über das einzelne Unternehmen.
John Markovich, seit Jahren Finanzchef von D-Wave, tritt am 2. September zurück. Greg Golkov übernimmt interimistisch. Markovich hatte maßgeblich dazu beigetragen, mehr als 900 Millionen Dollar an Kapital für das Unternehmen zu beschaffen – kein kleiner Fußabdruck für ein Unternehmen, das wie die gesamte Branche auf Kapitalzufuhr angewiesen ist, um Forschung und Skalierung zu finanzieren.
Ein Bilanzkonflikt wird nicht berichtet. Trotzdem reagierte die Aktie vorbörslich mit einem Rückgang um 1,5 Prozent, im deutschen Handel notiert das Papier aktuell bei 16,29 Euro, nach einem gestrigen Schlusskurs von 16,54 Euro.
Zahlen, die zum Nachdenken einladen
Die eigentliche Verunsicherung dürfte weniger am Personalwechsel selbst liegen als an den Quartalszahlen, die parallel kursieren. D-Wave meldete für das zweite Quartal einen Umsatz von 3,08 Millionen Dollar – der Konsens hatte mit 4,03 Millionen gerechnet. Der Verlust je Aktie lag bei 0,10 Dollar, etwas höher als die erwarteten 0,09 Dollar. Das ist die Art von Verfehlung, die in einem ohnehin fragilen Sektor Nervosität auslöst.
Zugleich gibt es einen Silberstreif: Die Buchungen im zweiten Quartal stiegen um 59 Prozent auf 2,1 Millionen Dollar, und in der ersten Jahreshälfte insgesamt sogar um 1.120 Prozent auf 35,5 Millionen Dollar. Diese Diskrepanz – schwacher laufender Umsatz, aber explodierende Auftragseingänge – ist typisch für ein Unternehmen, das noch am Anfang seiner kommerziellen Reifekurve steht. Wer heute bucht, zahlt oft erst morgen.
Institutionelles Geld strömt weiter hinein
Interessant ist, wie sich große Investoren trotz der wackligen Kurzfrist-Zahlen positionieren. Castleark Management kaufte im zweiten Quartal knapp 180.000 QBTS-Aktien. BlackRock hält inzwischen ein Paket im Wert von über 790 Millionen Dollar.
UBS stockte ihre Position um mehr als das Fünffache auf über zwölf Millionen Aktien auf, Northwestern Mutual erhöhte seinen Bestand um ein Vielfaches auf 3,19 Millionen Aktien, Goldman Sachs mehr als vervierfachte seine Beteiligung. Institutionelle Anleger halten mittlerweile gut 42 Prozent des Unternehmens. Das ist kein Bild von Panik, sondern von langfristiger Wette auf einen Strukturwandel.
Und dieser Strukturwandel bekommt an diesem Tag noch eine weitere Facette: D-Wave erhielt einen Zuschuss der National Science Foundation über 1,57 Millionen Dollar für das sogenannte ERASE-Projekt, eine Zusammenarbeit mit der Yale University zur Entwicklung fehlertoleranter Quantenhardware. Solche Förderungen zahlen sich nicht morgen aus, sie sind Investitionen in die technologische Basis der nächsten Dekade.
Ein Sektor, der sich nicht entscheiden kann
Am selben Tag rückten auch andere Quantenwerte ins Bild: Infleqtion lieferte den Prozessor für Japans ersten neutralen Atom-Quantencomputer, was am Vortag Quantenaktien branchenweit beflügelt hatte – D-Wave selbst legte da um 3,59 Prozent zu.
IonQ wiederum meldete einen Rekordumsatz mit einem Plus von 287 Prozent und hob die Jahresprognose an, kämpft aber mit einem Nettoverlust von 1,36 Milliarden Dollar auf Basis der letzten zwölf Monate. Das Muster wiederholt sich branchenweit: gewaltiges Wachstum bei den Auftragseingängen, gepaart mit tiefroten Bilanzen.
Für D-Wave bedeutet das: Die Aktie bewegt sich derzeit rund 60 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 40,41 Euro und liegt etwa 46 Prozent über ihrem Tief von 11,12 Euro, das erst Ende März markiert wurde. Mit einem RSI von knapp 46 und einer annualisierten Volatilität von 104 Prozent bleibt das Papier ein Spielfeld für Anleger mit starken Nerven.
Analysten bleiben bei einem „Strong Buy“-Rating mit einem Kursziel von 35,73 Dollar, was ein erhebliches Aufwärtspotenzial implizieren würde – doch zwischen Kursziel und Kursrealität klafft bei Quantenwerten derzeit eine besonders große Lücke. Die Frage, die sich stellt: Reicht der langfristige Glaube der institutionellen Investoren aus, um kurzfristige Enttäuschungen zu überbrücken?
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