Während zwei Kanzleien wegen möglicher Wertpapierverstöße gegen D-Wave Quantum ermitteln, hat Manulife im zweiten Quartal 204.727 Aktien im Wert von rund 4,9 Millionen Dollar zugekauft. Für mich ist genau dieser Kontrast die eigentliche Geschichte der Woche – nicht die Ermittlungen selbst, die längst bekannt sind, sondern die Frage, wie ein institutioneller Investor mitten in der Turbulenz zu einer Aufstockung kommt.

Bookings gegen Bilanzsorgen

Die Ausgangslage bleibt unangenehm: Im zweiten Quartal erzielte D-Wave nur 3,08 Millionen Dollar Umsatz, ein bereinigter Verlust von 0,10 Dollar je Aktie verfehlte die Erwartungen. Genau diese Zahlen bildeten laut Berichterstattung von Morningstar später die Grundlage für die Ermittlungen von Pomerantz und Kessler Topaz. Wer nur auf die Top-Line schaut, sieht ein Unternehmen, das operativ stagniert.

Doch die Auftragsseite erzählt eine andere Geschichte. Die Bookings im ersten Halbjahr legten laut einer Analyse vom 4. September um 1.120 Prozent zu, die noch abzuarbeitenden Auftragsbestände (RPO) stiegen um 668 Prozent auf 40,7 Millionen Dollar.

Für mich ist das der Kern der Bullen-These: D-Wave verkauft offenbar deutlich mehr, als es aktuell abrechnet. Ob sich das je in tatsächlichem Umsatzwachstum niederschlägt, bleibt allerdings die entscheidende offene Frage – und genau hier liegt das Risiko, das die Klagekanzleien wittern.

Der CFO-Abgang als Katalysator

Der überraschende Rückzug von CFO John Markovich, wirksam zum 2. September, war vor gut einer Woche das beherrschende Thema und hat die Aktie seither um 16,6 Prozent bewegt. Interimsweise übernimmt Greg Golkov, bislang Senior Vice President Finance, die Rolle als Principal Financial und Principal Accounting Officer.

Personalwechsel an der Finanzspitze sind für sich genommen kein Alarmsignal. In Kombination mit enttäuschenden Zahlen und der zeitlichen Nähe zur Quartalsvorlage wirkt der Abgang jedoch wie ein Brandbeschleuniger für das Misstrauen der Anwaltskanzleien – nachvollziehbar, wenn auch noch ohne belastbaren Beweis für ein Fehlverhalten.

Was der Kurs gerade widerspiegelt

Der Aktienkurs schloss am Montag bei 14,40 Euro und liegt damit rund 64 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 40,41 Euro aus dem Oktober. Das zeigt, wie stark die Euphorie der vergangenen Quantencomputing-Rally inzwischen abgekühlt ist. Seit den Quartalszahlen vor über einem Monat hat das Papier zusätzlich 8,7 Prozent verloren – ein Beleg dafür, dass der Markt die Zahlen und den CFO-Wechsel bislang eher als Belastung denn als Randnotiz einordnet.

Meine Einordnung

Unterm Strich sehe ich D-Wave an einem Scheideweg zwischen zwei Narrativen. Das eine ist das eines Unternehmens, das trotz enttäuschender Abrechnungszahlen einen fundamentalen Nachfrageschub verzeichnet – gestützt durch die enormen Bookings-Zuwächse und durch institutionelle Käufer wie Manulife, die offenbar bereit sind, kurzfristige Governance-Sorgen auszublenden. Das andere Narrativ ist das der Klagekanzleien: ein Unternehmen, dessen Kommunikation rund um Zahlen und Personalwechsel genauer geprüft werden muss.

Für mich überwiegt derzeit keine der beiden Lesarten eindeutig. Die Bookings-Dynamik spricht für operative Substanz jenseits der Schlagzeilen, die Kombination aus verfehlten Erwartungen, CFO-Abgang und laufenden Ermittlungen mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Bewertung der Kommunikationsqualität.

Wer auf D-Wave setzt, kauft im Kern eine Wette auf die Umwandlung der Auftragsbestände in echten Umsatz – und muss die juristischen Risiken der kommenden Monate als Preis dafür akzeptieren.