Ausgangslage

Die Deutsche-Bank-Aktie hat am Mittwoch das höchste Niveau seit rund zwölf Jahren markiert und damit die Aufmerksamkeit des gesamten Bankensektors auf sich gezogen. Aktuell notiert das Papier bei 34,67 Euro, nur knapp unter dem frisch markierten 52-Wochen-Hoch von 34,98 Euro.

Der Rückenwind kommt aus mehreren Richtungen zugleich: Die Quartalszahlen zum zweiten Jahresviertel zeigten einen verwässerten Gewinn je Aktie von 0,57 Euro nach 0,48 Euro im Vorjahresquartal, begleitet von laufenden Aktienrückkäufen. Zusätzlich befeuerte EZB-Direktorin Isabel Schnabel mit Äußerungen für höhere Zinsen die Erwartung, dass das Zinsumfeld für Banken günstig bleibt.

Der Zeitpunkt ist deshalb entscheidend, weil sich die Aktie damit erstmals seit Jahren wieder in unmittelbarer Reichweite ihrer Mehrjahreshochs bewegt – die Frage ist, ob daraus ein nachhaltiger Ausbruch wird oder ob der Markt lediglich eine überfällige Aufholbewegung gegenüber dem Sektor nachholt.

Die entscheidende Frage

Der zentrale Punkt für die kommenden Wochen ist, ob die Deutsche Bank ihren relativen Rückstand gegenüber der europäischen Bankenkonkurrenz tatsächlich aufholen kann oder ob sie strukturell hinter dem Sektor zurückbleibt.

Der Stoxx Europe 600 Banks bewegt sich in der Nähe seines Hochs seit 2007, während die Deutsche Bank mit einem Jahresplus von 3,5 Prozent deutlich hinter der Commerzbank liegt, die dank der Übernahmeambitionen von Unicredit um 11,5 Prozent zulegte.

Entscheidend wird also, ob die operative Stärke – belegt durch die starken Halbjahreszahlen – ausreicht, um die Bewertungslücke zum Sektor zu schließen, oder ob spezifische strukturelle Bremsen die Aktie weiter zurückhalten.

Bullisches Szenario

Für die Bullen spricht die fundamentale Ausgangslage: Der Gewinnsprung im zweiten Quartal und der Umsatzanstieg auf 8,5 Milliarden Euro von zuvor 7,8 Milliarden Euro liefern eine solide Basis für die aktuelle Neubewertung.

Analysten sehen im Kursziel von 36,25 Euro noch moderaten Spielraum nach oben. Sollte das Zinsumfeld dank der Signale aus der EZB tatsächlich restriktiver bleiben, würde dies die Zinsmarge der Bank stützen.

Gelingt es der Deutschen Bank zudem, die Wahrnehmung als Nachzügler im Sektor zu durchbrechen, könnte die jüngste Rally – getragen von einem Ausbruch aus der seit März andauernden Konsolidierungsphase – in eine mittelfristige Trendfortsetzung übergehen. Historisch gilt zudem das Herbst-Winter-Halbjahr für die Aktie als saisonal günstiger.

Bärisches Szenario und Risiken

Dagegen steht die Beobachtung, dass die aktuelle Bewegung technisch bereits weit gelaufen ist. Der RSI auf 14-Tage-Basis liegt bei 70,5 und signalisiert eine überkaufte Marktlage, während die Volatilität mit 23 Prozent auf erhöhtem Niveau verbleibt. Ein Rücksetzer nach der schnellen Bewegung der vergangenen Wochen wäre technisch keine Überraschung.

Inhaltlich mahnen Stimmen im Markt zudem an, dass die Aufholjagd der Deutschen Bank gegenüber der Commerzbank primär spiegelbildlich zu deren Unicredit-getriebener Sonderbewegung zu lesen ist – ein Effekt, der sich nicht zwangsläufig fortsetzt, sobald sich die Aufmerksamkeit von der Übernahmethematik wieder löst. Hinzu kommt regulatorische Kritik am Bankensektor, die im Marktumfeld immer wieder als Belastungsfaktor für die Neubewertung deutscher Institute genannt wird.

Bleibt das Zinssignal der EZB nur eine vorübergehende Wortmeldung ohne geldpolitische Konsequenz, würde einer der tragenden Pfeiler der aktuellen Rally wegfallen.

Ausblick

Solange der Kurs oberhalb seines 50-Tage-Durchschnitts von 31,77 Euro verbleibt – aktuell ein Abstand von 9,1 Prozent –, bleibt der kurzfristige Aufwärtstrend intakt, und ein Test der Marke von 35 Euro erscheint naheliegend.

Kippt die Dynamik jedoch, etwa durch enttäuschende Signale aus der EZB-Zinsdebatte oder eine technische Gegenbewegung nach dem überkauften RSI-Niveau, dürfte die Aktie rasch in Richtung ihres 100- oder 200-Tage-Durchschnitts zurückfallen, die deutlich tiefer liegen.

Der nächste konkrete Prüfstein für die These der nachhaltigen Aufholjagd wird sich zeigen, sobald sich abzeichnet, ob die relative Stärke gegenüber der Commerzbank über die Sonderfaktoren der Unicredit-Übernahmethematik hinaus Bestand hat.

Bis dahin bleibt die Deutsche-Bank-Aktie ein Papier, dessen weiterer Weg maßgeblich von der Frage abhängt, ob operative Substanz oder technische Übertreibung die Oberhand behält.