Industrieller Wandel vollzieht sich selten geräuschlos, und er geschieht fast nie zum Nulltarif. Wer jahrzehntelang für klassische Antriebstechnik und zyklischen Maschinenbau stand, muss enorme Summen in die Hand nehmen, wenn er sich neu erfinden will. Genau an dieser Weggabelung steht Deutz.
Das Kölner Traditionsunternehmen treibt seinen Umbau mit beachtlichem Tempo voran. Doch der jüngste Schritt führt den Aktionären schonungslos vor Augen, dass jede strategische Neuausrichtung zunächst auf Kosten der bestehenden Eigentümer finanziert werden muss.
Frisches Kapital auf Kosten der Altaktionäre
Am gestrigen Dienstag bat das Management den Kapitalmarkt erneut zur Kasse. Deutz platzierte 15,26 Millionen neue Aktien zu einem Stückpreis von 11,70 Euro. Die Transaktion spülte dem Konzern einen Bruttoerlös von rund 179 Millionen Euro in die Kassen.
Für die Altaktionäre bedeutete der Schritt jedoch eine herbe Enttäuschung, denn ein Bezugsrecht wurde ihnen verwehrt. Das Grundkapital wächst durch die Maßnahme um zehn Prozent auf fast 168 Millionen Anteilsscheine. Bereits im Vorjahr hatte Deutz rund 131 Millionen Euro über eine ähnliche Platzierung am Markt eingesammelt.
Dass die Verwässerung der Anteile reflexartig für Unmut an den Handelsplätzen sorgt, überrascht kaum. Schließlich sinkt der prozentuale Anteil jedes bisherigen Anteilseigners am künftigen Konzerngewinn. Zugleich signalisiert ein solcher Schritt aber auch Pragmatismus: Schnelligkeit und bilanzielle Stabilität rangieren in Köln derzeit offenkundig vor den Befindlichkeiten treuer Privatanleger.
Der milliardenschwere Flensburger Hebel
Der Grund für den anhaltenden Kapitalbedarf trägt einen konkreten Namen: FFG Flensburger. Die im Juli vereinbarte Übernahme des Spezialisten für Heeres- und Verteidigungstechnik ist ein echter Brocken. Rund 1,6 Milliarden Euro schwer ist der Zukauf, für den die Anteilseigner im August mit einer überwältigenden Mehrheit von 99,7 Prozent grünes Licht gaben. FFG bringt ein jährliches Umsatzvolumen von rund 760 Millionen Euro mit.
Finanziert werden soll der Zukauf zu rund einer Milliarde Euro in bar über Bankkredite, flankiert von neuen Deutz-Aktien im Gegenwert von rund 600 Millionen Euro. Der Abschluss der Transaktion wird für Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet. Mit diesem Schritt bricht das Management endgültig mit der reinen Konzentration auf das bisherige Kerngeschäft.
Kann ein traditionsreicher Motorenbauer den Sprung in völlig neue Branchensegmente erfolgreich stemmen, ohne das eigene Fundament bei der Finanzierung zu überdehnen? Diese Frage müssen sich Anleger stellen. Denn die Transformation von Deutz ist kein vorsichtiges Herantasten mehr, sondern ein aggressiver Vorstoß in neue Märkte.
Hohe Hürden bis zum Zieljahr 2030
Dass der Motor operativ derzeit rund läuft, verschafft der Führungsetage den nötigen Handlungsspielraum. Im ersten Halbjahr kletterte der Konzernumsatz um 11 Prozent auf 1,12 Milliarden Euro. Gleichzeitig verbesserte sich das bereinigte operative Ergebnis (EBIT) kräftig auf rund 80 Millionen Euro.
Die Zielmarken für das Ende des Jahrzehnts sind allerdings nicht minder steil gesteckt: Bis 2030 will Deutz einen Gesamtumsatz von 4 Milliarden Euro erreichen. Gleichzeitig soll die bereinigte EBIT-Marge auf 10 Prozent klettern.
Gestern ging die Aktie bei 12,18 Euro aus dem Xetra-Handel. Seit Jahresbeginn verbucht das Papier ein Plus von 43 Prozent. Diese Entwicklung belegt, dass viele Investoren die Wachstumsstrategie grundsätzlich unterstützen. Der Druck auf den Vorstand wächst jedoch: Nach den milliardenschweren Zusagen und der erneuten Verwässerung müssen die versprochenen Synergien nun auch termingerecht in der Bilanz ankommen.
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