Zwei Analysehäuser, zwei fast entgegengesetzte Einschätzungen: Während Kepler Cheuvreux der Deutz-Aktie am 23. Juli ein Kursziel von 12,00 Euro und die Einstufung „Kaufen“ bescheinigt, sieht Bernstein das Papier nur einen Tag zuvor bei 9,44 Euro fair bewertet und rät zum Halten. Die Spanne zeigt, wie unterschiedlich der Kapitalmarkt den jüngsten Strategiewechsel des Kölner Motorenherstellers bewertet.
Milliardendeal als Einstieg ins Verteidigungsgeschäft
Auslöser der Diskussion ist die Anfang Juli bekanntgegebene Übernahme der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft, kurz FFG. Deutz erwirbt sämtliche Anteile an dem Spezialisten von den bisherigen Eigentümerfamilien für rund 1,6 Milliarden Euro. Der Zukauf verschafft dem Unternehmen erstmals eine Rolle als Systemanbieter im Verteidigungssektor – ein deutlicher Schritt weg vom klassischen Kerngeschäft mit Diesel- und Gasmotoren. Finanziert werden soll die Transaktion teilweise über eine Sachkapitalerhöhung, bei der die bisherigen FFG-Eigentümer künftig bis zu 29,9 Prozent an Deutz halten könnten. Über diese Kapitalmaßnahme entscheidet eine außerordentliche Hauptversammlung am 24. August.
Gerade dieser Punkt dürfte den Bewertungsunterschied zwischen den Analysten erklären: Eine Sachkapitalerhöhung dieser Größenordnung verwässert bestehende Aktionäre, eröffnet zugleich aber Zugang zu einem margenstarken Rüstungsmarkt. Kepler Cheuvreux gewichtet offenbar die strategischen Wachstumschancen höher, Bernstein dürfte stärker auf die Verwässerungsrisiken und den bereits gelaufenen Kursanstieg schauen.
Neue Geschäftsfelder nehmen bereits Form an
Der Umbau ist längst mehr als eine Ankündigung. Bereits am 7. Juli startete im Deutz-Werk Ulm die erste Serienproduktion des unbemannten Bodensystems GEREON, entwickelt in Kooperation mit ARX Robotics. Es ist der erste sichtbare Ausdruck der neuen Verteidigungsstrategie. Wenige Wochen zuvor, am 16. Juni, hatte Deutz zudem eine Partnerschaft mit HDC Solutions besiegelt, die Energielösungen für militärische Anwendungen und kritische Infrastrukturen bereitstellen soll.
Parallel zum Rüstungsvorstoß baut Deutz auch das zivile Energiegeschäft aus. Anfang Juni schloss der Konzern die Übernahme des brasilianischen Stromerzeuger-Herstellers Maxi Trust Power ab. Das Unternehmen erwartet daraus einen zusätzlichen profitablen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro in der Sparte Deutz Energy. Insgesamt entsteht so ein Konzern mit drei tragenden Säulen – klassischer Motorenbau, Energiesysteme und nun auch Verteidigungstechnik –, dessen Ertragsprofil sich in den kommenden Quartalen erst noch beweisen muss.
Kurs hat Rally hinter sich, Rücksetzer zuletzt
Die Aktie hat den strategischen Kurswechsel mit einer kräftigen Kursbewegung honoriert: Binnen 30 Tagen legte das Papier um 16,09 Prozent zu, seit Jahresbeginn steht ein Plus von 18,82 Prozent zu Buche. Am Dienstag schloss die Aktie bei 10,10 Euro, ein Tagesminus von 1,08 Prozent. Zum bisherigen 52-Wochen-Hoch von 12,49 Euro, erreicht Ende Februar, fehlen der Aktie derzeit noch 19,14 Prozent – Luft für weitere Kursfantasie bleibt also, sollte die Integration der Zukäufe gelingen.
Der Kalender liefert bald neue Anhaltspunkte: Am 6. August legt Deutz den Zwischenbericht für das zweite Quartal vor, darin dürfte sich erstmals zeigen, wie sich die jüngsten Übernahmen operativ bemerkbar machen. Noch entscheidender für die Aktionäre wird die außerordentliche Hauptversammlung am 24. August, auf der über die Kapitalmaßnahmen zur FFG-Finanzierung abgestimmt wird. Bis dahin dürfte die Aktie zwischen den gegensätzlichen Analystenlagern hin- und hergerissen bleiben.
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