Ein Konzern ohne Kapitän, mitten im größten Umbau seiner Geschichte – so lässt sich die Lage bei Diginex derzeit am treffendsten beschreiben. Zum 31. August ist Lubomila Jordanova als Chief Executive Officer und Vorstandsmitglied abgetreten, Archana Kotecha führt das Unternehmen nun interimistisch.
Für mich ist das der eigentliche Belastungstest für die Resulticks-Übernahme – nicht die Zahlen von gestern, sondern die Frage, ob ein Interimsmanagement einen Milliardendeal über die Ziellinie bringen kann.
Ein Deal, der wichtiger ist als jeder Quartalsbericht
Der eigentliche Wert von Diginex hängt inzwischen fast vollständig an der geplanten Übernahme von Resulticks. Der geänderte Aktienkaufvertrag vom 14. August sieht vor, dass Diginex 600 Millionen eigene Stammaktien zu je 1,75 US-Dollar als Gegenleistung ausgibt – vollständig durch Aktienausgabe, kein Cash.
Der Markt reagierte auf diese Ankündigung damals mit einem deutlichen Kursrückgang von 14,14 Prozent. Wer daraus ableiten wollte, der Deal sei ein reiner Kurstreiber, irrt: Anleger sahen in der massiven Verwässerung offenbar zunächst vor allem ein Risiko, kein Versprechen.
Am 27. August reichte Diginex die Listing Application bei der Nasdaq ein, um den Kontrollwechsel formal genehmigen zu lassen. Parallel steht eine außerordentliche Hauptversammlung am 8. Oktober an, auf der Aktionäre über den Kaufvertrag, eine Erhöhung des genehmigten Grundkapitals und eine neue Satzung abstimmen sollen.
Erst dieses Votum entscheidet, ob aus der Ankündigung Realität wird. Wer diesen Termin verpasst, verpasst den eigentlichen Katalysator des Jahres bei Diginex.
Finanzierungszusagen sind ein Signal – aber kein Freifahrtschein
Bemerkenswert finde ich, dass die Transaktion an insgesamt 70 Millionen US-Dollar private Finanzierungszusagen gebunden ist: 20 Millionen Dollar fließen direkt in Diginex, kombiniert mit Warrants zu je einem Dollar, weitere 50 Millionen arrangiert Resulticks selbst zu 0,85 Dollar je Diginex-Aktie.
Dass externe Investoren bereit sind, frisches Kapital zuzuschießen, spricht dafür, dass zumindest ein Teil des Marktes an die Logik des Zusammenschlusses glaubt.
Gleichzeitig zeigt der niedrige Zeichnungspreis von 0,85 Dollar, deutlich unter dem aktuellen Kursniveau von 1,60 US-Dollar, dass diese Investoren sich einen ordentlichen Sicherheitsabschlag haben einräumen lassen. Das ist kein Vertrauensbeweis ohne Wenn und Aber.
Die operativen Zahlen selbst geben wenig Anlass zur Euphorie. Der Umsatz im Geschäftsjahr 2026 stieg zwar um 77 Prozent auf 3,6 Millionen US-Dollar, getragen unter anderem von Beiträgen der im Oktober 2025 erworbenen Matter sowie von Plan A und The Remedy Project, die im Januar 2026 hinzukamen.
Doch der Nettoverlust wuchs im selben Zeitraum auf 31,1 Millionen US-Dollar – nach 5,2 Millionen im Vorjahr und 4,9 Millionen zwei Jahre zuvor. Diese Verlustausweitung relativiert das Wachstumsnarrativ erheblich: Ein Unternehmen, das seinen Umsatz verzehnfacht sehen möchte, aber gleichzeitig seine Verluste versechsfacht, kauft sich Wachstum teuer ein.
Nasdaq-Compliance als schwaches Trostpflaster
Immerhin hat Diginex Ende Juli die Mindestgebotspreis-Anforderung der Nasdaq wieder erfüllt, nachdem der Schlusskurs über zwanzig aufeinanderfolgende Handelstage bei oder über einem Dollar lag. Das nimmt zumindest das Delisting-Risiko kurzfristig vom Tisch. Für mich ist das aber eher hygienisch als strategisch bedeutsam – es sichert die Börsennotiz, löst aber keines der strukturellen Probleme.
Der Kurs hat in den vergangenen sieben Tagen um 18 Prozent zugelegt, notiert aber über die letzten 30 Tage knapp 8 Prozent im Minus. Bei einer annualisierten Volatilität von 107 Prozent sind solche Ausschläge weniger Ausdruck fundamentaler Neubewertung als Zeichen eines extrem nervösen, spekulativ getriebenen Titels mit einer Marktkapitalisierung von gerade einmal rund 37,5 Millionen Euro.
Unterm Strich sehe ich Diginex an einem Scheideweg, der sich nicht durch Kursbewegungen der letzten Tage erklären lässt, sondern einzig durch den 8. Oktober. Gelingt die Aktionärsabstimmung und wird der Führungswechsel sauber gemanagt, könnte aus der kleinen ESG-Datenfirma tatsächlich ein deutlich größerer Player entstehen. Scheitert eines von beidem, dürfte die aktuelle Volatilität nur ein Vorgeschmack gewesen sein.
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