Ein CEO-Rücktritt lässt sich noch als Einzelfall abtun. Wenn aber innerhalb weniger Tage auch ein Verwaltungsratsmitglied das Handtuch wirft und der COO seinen Abschied ankündigt, wird aus einer Personalie ein Muster. Genau das beobachte ich bei Diginex, und für mich ist dieses Muster der eigentliche Risikofaktor der kommenden Wochen – nicht der viel diskutierte Rücktritt von CEO Lubomila Jordanova selbst.

Ein Board, das sich leert

Tomicah Tillemann-Dick schied aus dem Verwaltungsrat aus und verlor damit auch seine Sitze im Audit-&-Risk- sowie im Nomination-&-Compensation-Ausschuss. Das ist bemerkenswert, weil ausgerechnet diese Gremien für die Kontrolle einer Übernahme vom Kaliber Resulticks zuständig wären.

Ergänzt wird das Bild durch den für Ende September angekündigten Abgang von COO Jacob Friedman. Wer zählt, kommt auf drei Führungsfiguren, die das Unternehmen binnen kurzer Zeit verlassen – mitten in der heikelsten Phase seiner Firmengeschichte.

Meine These: Diginex befindet sich nicht in einer normalen Übergangsphase, sondern in einem strukturellen Vakuum, das die interimistische CEO Archana Kotecha allein kaum auffangen kann.

Reuters ordnete den Rücktritt Jordanovas, die Interimsernennung Kotechas und den geplanten Abgang Friedmans bereits Anfang September in einem gemeinsamen Kontext ein – ein Indiz dafür, dass auch internationale Nachrichtenagenturen den Zusammenhang zwischen Führungswechsel und Übernahmeprozess als berichtenswert einstuften.

Der Deal läuft weiter – trotz allem

Bemerkenswert ist, dass die Resulticks-Übernahme von den personellen Turbulenzen offenbar unberührt bleibt. Diginex beantragte bei der Nasdaq am 27. August die Zustimmung zum Kontrollwechsel, der mit der Transaktion einhergeht.

Als Zieltermin für den Abschluss wird der 30. Oktober genannt. Die Transaktionsstruktur selbst – rund 600 Millionen neue Diginex-Aktien zu 1,75 US-Dollar je Anteil, macht in Summe etwa 1,05 Milliarden US-Dollar – ist unverändert in Kraft.

Für mich ergibt sich daraus ein Spannungsfeld: Der Deal, der Diginex fundamental umbauen soll, bewegt sich unbeirrt auf sein Ziel zu, während das Management, das diesen Umbau eigentlich verantworten müsste, sich Stück für Stück auflöst. Wer am Ende die Integration von Resulticks leiten wird, ist damit offener als noch vor wenigen Wochen.

Was der Kurs (nicht) verrät

Der Kurs selbst gibt wenig Anlass zur Dramatisierung. Diginex schloss am Dienstag bei 1,60 US-Dollar, ein Plus von 6,7 Prozent gegenüber dem Vortag. Auf Sieben-Tage-Sicht steht ein Anstieg von 18 Prozent zu Buche, während die 30-Tage-Bilanz mit einem Minus von 7,8 Prozent noch immer negativ ist.

Die Marktkapitalisierung liegt bei umgerechnet rund 37,5 Millionen Euro – für ein Unternehmen, das gerade eine Milliarden-Übernahme stemmen will, eine überschaubare Größe, die die Volatilität von 117 Prozent auf Jahressicht nur unterstreicht.

Medienberichten zufolge wird der CEO-Abgang als möglicher Treiber der jüngsten Kursbewegung gedeutet, auch als neues Licht auf das bevorstehende Übernahmevotum. Ich lese die Kursreaktion nüchterner: Ein RSI von 61,2 signalisiert keine Überhitzung, sondern moderate Kaufbereitschaft – der Markt scheint die Personalunruhe bislang eher auszusitzen als einzupreisen.

Mein Fazit

Unterm Strich sehe ich bei Diginex zwei parallele Erzählstränge, die auseinanderdriften: einen Übernahmeprozess, der formal nach Plan läuft, und ein Führungsteam, das sich in Auflösung befindet.

Solange der Verwaltungsrat und die operative Spitze personell ausdünnen, während gleichzeitig die größte Transaktion der Firmengeschichte abgewickelt werden soll, überwiegen für mich die Risiken die Chancen.

Die Kursstärke der vergangenen Woche würde ich nicht als Vertrauensbeweis in die neue Führung interpretieren, sondern eher als Wette auf den Deal selbst – unabhängig davon, wer ihn am Ende zu Ende bringt.

Ob diese Wette aufgeht, entscheidet sich aus meiner Sicht weniger am 30. Oktober als vielmehr daran, ob Diginex bis dahin überhaupt ein stabiles Führungsteam vorweisen kann.