Ein Unternehmen, das gerade seine größte Transaktion der Firmengeschichte abwickelt, verliert seine Gründerin an der Spitze. Das ist der eigentliche Stoff dieser Woche bei Diginex – nicht der Kurs, der mit 1,38 US-Dollar zum gestrigen Schluss ohnehin nur ein Nebenschauplatz ist.
Lubomila Jordanova, Gründerin des Hongkonger ESG-Datenanbieters, tritt zum 31. August als CEO zurück. Interimistisch übernimmt Archana Kotecha. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Mitten in der finalen Phase der milliardenschweren Übernahme von Resulticks, mitten im Antrag bei der Nasdaq auf Genehmigung des Kontrollwechsels, wechselt die Person an der Spitze, die diesen Deal eingefädelt hat.
Ein Konzernumbau, der größer ist als das Unternehmen selbst
Was hier passiert, ist mehr als eine gewöhnliche Fusion. Diginex kauft Resulticks per Aktientausch – 600 Millionen neue Aktien zu je 1,75 US-Dollar, macht insgesamt gut eine Milliarde US-Dollar. Am Ende sollen die bisherigen Resulticks-Aktionäre rund 86 Prozent der fusionierten Gesellschaft kontrollieren.
Diginex, das kleine ESG-Datenunternehmen mit einer Marktkapitalisierung von umgerechnet 29,34 Millionen Euro, wird also faktisch zur Hülle für ein deutlich größeres Marketing-Technologie-Geschäft.
Resulticks brachte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 150 Millionen US-Dollar und einen Gewinn nach Steuern von 17 Millionen US-Dollar mit – bei einer Wachstumsrate von über 60 Prozent seit der Pandemie.
Für die Finanzierung wurden 70 Millionen US-Dollar an privatem Kapital gesichert, aufgeteilt in 20 Millionen US-Dollar direkt in Diginex-Aktien und Warrants sowie 50 Millionen US-Dollar, arrangiert über Resulticks zu 0,85 US-Dollar pro Diginex-Aktie. Das ist eine deutlich niedrigere Bewertung als der Übernahmepreis von 1,75 US-Dollar pro Aktie für die Resulticks-Seite – ein Detail, das zeigt, wie unterschiedlich die beiden Kapitalflüsse bepreist sind.
Am 27. August reichte Diginex bei der Nasdaq den Listing-Antrag für die Change-of-Control-Genehmigung ein. Der Abschluss der Transaktion wird für den 30. Oktober angepeilt, nachdem das sogenannte Long-Stop-Date bereits von Ende Juli auf den 12. August verschoben worden war.
Zahlen, die zeigen: Der Umbau kostet
Die eigenen Geschäftszahlen, am vergangenen Sonntag vorgelegt, tragen bereits die Spuren dieses Umbaus. Der Umsatz stieg im Geschäftsjahr zum 31. März um 77 Prozent auf 3,6 Millionen US-Dollar, getragen von den zugekauften Einheiten Plan A, Matter und The Remedy Project.
Der Nettoverlust wuchs jedoch von 5,2 Millionen auf 31,1 Millionen US-Dollar, unter anderem wegen einer Wertminderung von 7,0 Millionen US-Dollar auf den Goodwill von Matter.
Das Nettovermögen kletterte parallel von 4,6 auf 20,3 Millionen US-Dollar, die Barmittel liegen bei 4,9 Millionen US-Dollar, Schulden hat das Unternehmen keine. Seit der Zahlenvorlage hat die Aktie um 15,0 Prozent zugelegt – der Markt scheint das Wachstum stärker zu gewichten als den Verlust.
Wer ist eigentlich Archana Kotecha, die nun übergangsweise das Ruder hält, während im Hintergrund ein Milliardendeal über die Ziellinie gebracht werden soll? Öffentlich vorgestellt wurde sie bislang vor allem als Nachfolgerin – nicht als eigenständige strategische Stimme. Das ist typisch für Interims-Konstellationen, aber ungewöhnlich brisant, wenn gleichzeitig ein Kontrollwechsel bei der Börsenaufsicht beantragt wird.
Ergänzt wird das Führungsteam derzeit durch neue Personalien im operativen Bereich: Jan-Jaap Verhoeve wurde zum Chief Commercial Officer berufen, verantwortlich für die globale Umsatzstrategie und die Unterstützung bei Fusionen. Bereits im Juni war Carole Zibi als Chief Marketing Officer verpflichtet worden.
Diginex erfüllte Ende Juli zudem die Mindestpreisanforderung der Nasdaq – der Schlusskurs lag zwanzig Handelstage in Folge bei mindestens 1,00 US-Dollar. Das nimmt zumindest eine regulatorische Sorge von der Liste, während die eigentliche Frage offenbleibt: ob ein Unternehmen mit wechselnder Führungsspitze eine derart komplexe Übernahme bis Ende Oktober tatsächlich stemmen kann. Die Antwort darauf liegt nicht in den Kurszahlen dieser Woche, sondern in den nächsten Wochen der operativen Integration.
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