Manchmal sagt eine Zahl viel über den Zustand eines Unternehmens aus – und manchmal sagt sie fast nichts, weil sie längst von einer anderen Geschichte überlagert wird. Bei Diginex ist das gerade der Fall.

Am Donnerstag meldete das Unternehmen für das Geschäftsjahr bis Ende März einen Umsatzsprung um 77 Prozent auf 3,6 Millionen US-Dollar, getragen von den zugekauften Firmen Plan A, Matter und The Remedy Project. Auf dem Papier ein Erfolg. An der Börse: kaum eine Reaktion.

Der Grund ist simpel und liegt in der zweiten Zahl derselben Bilanz: Der Nettoverlust weitete sich auf 31,1 Millionen US-Dollar aus, nach 5,2 Millionen im Vorjahr. Darin steckt auch eine Goodwill-Wertberichtigung von 7,0 Millionen US-Dollar auf die Beteiligung Matter – ein Posten, der zeigt, wie schnell überzahlte Zukäufe zur Belastung werden können.

Immerhin: Keine Schulden, 4,9 Millionen US-Dollar Barmittel. Diginex ist nicht pleite. Aber es verbrennt Geld schneller, als es welches verdient, und das in einem Tempo, das die Wachstumsstory relativiert.

Die eigentliche Geschichte heißt Resulticks

Wer auf Diginex schaut, schaut eigentlich auf Resulticks. Das Marketing-Technologie-Unternehmen aus Asien, das Diginex laut eigenen Angaben für rund 1,05 Milliarden US-Dollar übernehmen will, brachte im Geschäftsjahr 2025 rund 150 Millionen US-Dollar Umsatz und 17 Millionen US-Dollar Gewinn nach Steuern – bei einer Wachstumsrate von über 60 Prozent seit der Pandemie. Diese Dimensionen lassen die eigenen Diginex-Zahlen wie eine Randnotiz wirken. Genau das ist der Punkt: Diginex kauft sich hier selbst neu.

Am vergangenen Mittwoch wurde die überarbeitete Vereinbarung unterzeichnet. Diginex will 600 Millionen neue Aktien zu je 1,75 US-Dollar ausgeben, um die Übernahme zu finanzieren.

Nach Abschluss sollen die Resulticks-Aktionäre und neue Investoren zusammen rund 86 Prozent des dann deutlich erweiterten Aktienkapitals halten – eine Verwässerung, die den bestehenden Aktionären nur noch einen kleinen Rest der Gesellschaft übrig lässt.

Wer heute Diginex-Aktien hält, hält nach Vollzug im Grunde einen Claim auf ein völlig anderes Unternehmen, das zufällig unter demselben Börsenmantel firmiert.

Das ist keine Randbemerkung, sondern der Kern der Übung. Auch die Führungsstruktur wechselt komplett: Redickaa Subrammanian, Mitgründerin und CEO von Resulticks, übernimmt nach Abschluss den Chefposten der kombinierten Gesellschaft. Miles Pelham tritt als Chairman zurück, der Vorstand wird mehrheitlich mit von Resulticks benannten Direktoren neu besetzt. Diginex, wie es heute an der Börse notiert, wird es in dieser Form bald nicht mehr geben.

Ein Termin, der alles entscheidet

Am 8. Oktober soll eine außerordentliche Hauptversammlung über die Akquisition, die Erhöhung des genehmigten Aktienkapitals und eine geänderte Satzung abstimmen. Der Abschluss der Transaktion wird für spätestens den 30. Oktober angestrebt, vorbehaltlich der üblichen Bedingungen.

Bis dahin bleibt die Aktie ein Wettschein auf ein Closing, das schon einmal verschoben wurde – der ursprüngliche Long-Stop-Termin wanderte von Ende Juli auf den 12. August, nachdem private Finanzierungszusagen über 70 Millionen US-Dollar gesichert werden konnten.

Der Markt hat diese Gemengelage in den vergangenen Wochen mit sinkenden Kursen quittiert. Zuletzt schloss die Aktie bei 1,20 US-Dollar, ein Minus von 3,2 Prozent an einem einzigen Handelstag, über sieben Tage steht ein Rückgang von 9,1 Prozent zu Buche, über 30 Tage sogar von 22 Prozent.

Die Marktkapitalisierung liegt umgerechnet bei nur noch rund 30 Millionen Euro – ein Bruchteil dessen, was die Übernahme selbst kosten soll. Die Volatilität von 113 Prozent auf Jahresbasis zeigt, wie nervös der Handel mit dem Papier inzwischen geworden ist.

Bleibt die Frage, was eigentlich noch „Diginex“ ist, wenn die Transaktion vollzogen wird: ein Blockchain- und ESG-nahes Technologieunternehmen, das sich selbst zur Fußnote in der Bilanz eines viel größeren asiatischen Marketing-Konzerns macht? Die Umsatzzahlen vom Donnerstag waren dafür nur ein kurzes Zwischenkapitel – die eigentliche Handlung spielt sich zwischen jetzt und dem Oktober-Termin ab.