Der IT-Dienstleister Endava sieht sich mit einer internen Sonderprüfung der Rechnungslegung konfrontiert. Das Unternehmen stellte Finanzvorstand Mark Thurston mit Wirkung zum gestrigen Montag von seinen Aufgaben frei. Hintergrund sind Bedenken der externen Wirtschaftsprüfer, die die bilanzielle Behandlung ausgewählter Verträge mit Kunden sowie Lieferanten betreffen.

Die Verunsicherung der Anleger spiegelte sich umgehend im Börsenhandel wider: Das Papier verzeichnete nachbörslich spürbare Kursverluste. Zusätzlich kündigte die US-Kanzlei Glancy Prongay Wolke & Rotter eine Untersuchung wegen möglicher Verstöße gegen bundesstaatliche Wertpapiergesetze der USA an.

Unabhängige Anwälte untersuchen Verträge

Den Anstoß für die administrative Freistellung gab das Führungsgremium des Unternehmens auf Empfehlung des Prüfungsausschusses. Unabhängige externe Rechtsanwälte untersuchen nun im Auftrag dieses Gremiums die Rechnungslegungspraxis. Im Fokus stehen dabei konkrete vertragliche Vereinbarungen mit Kunden und Lieferanten.

Zu den genauen Inhalten der Verträge oder dem finanziellen Umfang der beanstandeten Buchungen machte das Unternehmen bislang keine Angaben. Auch ein konkreter Zeitplan für den Abschluss der externen Untersuchung wurde nicht genannt.

Neuer Interim-Finanzchef von AlixPartners

Um die Führung im Finanzressort nahtlos aufrechtzuerhalten, griff Endava auf externe Unterstützung zurück. Zum Interim-Finanzvorstand berief der Verwaltungsrat Conor McShane von der Unternehmensberatung AlixPartners. Die Ernennung erfolgte am vergangenen Freitag und wurde mit Wirkung zum Montag wirksam.

McShane übernimmt neben der operativen Leitung der Finanzabteilung zeitgleich die Aufgaben des leitenden Rechnungslegungsbeauftragten. Er führt das Ressort interimistisch, bis die Untersuchung der Sachverhalte abgeschlossen ist und Klarheit über die dauerhafte Struktur der Finanzspitze besteht.

Jahresabschluss verzögert sich bis November

Die internen Ermittlungen wirken sich unmittelbar auf die Vorlage der Finanzergebnisse aus. Die Veröffentlichung der Zahlen für das vierte Quartal sowie das gesamte, am 30. Juni beendete Geschäftsjahr 2026 erfolgt später als ursprünglich vorgesehen. Auch der Jahresbericht mit dem offiziellen Formular 20-F verzögert sich.

Das Unternehmen plant, die Jahresdokumente bis zum 2. November 2026 bei der US-Börsenaufsicht SEC einzureichen, womit die regulatorische Meldefrist eingehalten würde. Ein Termin für die übliche Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen steht derzeit noch nicht fest.

Bereits vor den aktuellen Vorkommnissen stand Endava unter Beobachtung. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026, das am 31. März endete, erwirtschaftete der Software-Dienstleister einen Umsatz von 178,5 Millionen britischen Pfund.

Eine Abschreibung auf den Firmenwert von 364,6 Millionen Pfund hatte die damalige Bilanz massiv belastet. Die Klärung der Rechnungslegungsfragen stellt den Dienstleister nun vor eine weitere organisatorische Herausforderung.