Die jüngsten Übernahmesondierungen im Chemiesektor verändern den Blick der Finanzwelt auf Evonik grundlegend. Nachdem das Interesse des Ludwigshafener Branchennachbarn BASF bekannt wurde, passen Analysehäuser ihre Bewertungen an die veränderte Lage an. Die Aussicht auf eine mögliche Transaktion fungiert am Kapitalmarkt als stützender Faktor, der fundamentale Belastungen im operativen Geschäft zunehmend überlagert.

Berenberg zieht Kursziel deutlich an

Am Montag reagierte das Analysehaus Berenberg auf die veränderten Vorzeichen und stufte die Evonik-Aktie von „Sell“ auf „Hold“ hoch. Analyst Sebastian Bray hob das Kursziel dabei spürbar von 15,50 auf 20,00 Euro an. Er begründete diesen Schritt mit dem Übernahmeinteresse von BASF. Nach seiner Einschätzung kann die anhaltende Diskussion über ein mögliches Geschäft den Aktienkurs künftig selbst bei sinkenden Methioninpreisen stützen.

Am Dienstag bestätigte zudem die Parmantier & Cie. GmbH ihre Einstufung für das Essener Spezialchemieunternehmen mit der Empfehlung „Halten“. Die Experten sehen den Titel damit vorerst fair bewertet, nachdem sich die Marktsituation durch die Avancen aus Ludwigshafen verschoben hat.

Übernahmeofferte setzt neue Bewertungsmaßstäbe

Hintergrund der Neueinschätzungen ist das Werben von BASF. Vor gut einer Woche bestätigte Evonik, dass die Ludwigshafener das Unternehmen wegen eines möglichen freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots für sämtliche Aktien unverbindlich angesprochen hatten. Auch die RAG-Stiftung als Großaktionärin bestätigte den Kontakt. Zwar fänden laut Evonik derzeit keine formellen Gespräche statt, doch die Gemengelage bewegt die Anleger nachhaltig.

Laut Reuters-Berichten wies Evonik ein Angebot von BASF über 10,3 Milliarden Euro beziehungsweise rund 22,15 Euro je Aktie als zu niedrig zurück. Beide Seiten sowie die RAG-Stiftung lehnten damals eine Stellungnahme zu den Berichten ab.

Am Markt wirkt dieser kolportierte Betrag dennoch als Richtmarke. Mit einem aktuellen Kurs von 20,96 Euro notiert das Papier nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 21,04 Euro. Seit Jahresbeginn summiert sich das Kursplus inzwischen auf 57 Prozent.

Standorte im Fokus und anstehende Quartalszahlen

Parallel zu den Fusionsspekulationen arbeitet Evonik an der eigenen Aufstellung. Das Unternehmen kündigte im Rahmen einer geschärften Wachstumsstrategie an, die eigenen Aktivitäten stärker zu fokussieren und die Aufgaben wichtiger deutscher Standorte neu festzulegen. Zudem sollen zwei kleinere deutsche Produktions- und Technologiestandorte im folgenden Jahr geschlossen werden.

Für Anleger richtet sich der Blick nun auf die operative Verfassung der Essener. Belastbare Zahlen für das abgelaufene Jahresviertel stehen in wenigen Wochen an: Evonik wird am 3. November die Quartalsmitteilung für das dritte Quartal 2026 veröffentlichen. Dieser Termin dürfte zeigen, wie stabil das Kerngeschäft abseits der Übernahmegerüchte tatsächlich dasteht.