Die jüngste Kursrally bei Evonik speist sich nach Einschätzung von Deutsche Bank Research vor allem aus M&A-Spekulationen und weniger aus der operativen Verfassung des Spezialchemiekonzerns. Analystin Virginie Boucher-Ferte beließ die Einstufung für den Essener Konzern gestern auf „Hold“ mit einem Kursziel von 18 Euro. Für das anstehende dritte Quartal prognostizierte sie ein bereinigtes operatives Ergebnis (EBITDA) von 640 Millionen Euro.

Die Einschätzung fällt in eine Phase spürbarer Unruhe rund um das Unternehmen. Evonik notiert derzeit bei 20,66 Euro und bewegt sich mit einem minimalen Abschlag von 0,4 Prozent nur knapp unter dem 52-Wochen-Hoch von 20,74 Euro.

Getrieben wird die Notierung vor allem von den Avancen des Ludwigshafener Wettbewerbers BASF, der Ende September Sondierungsgespräche über ein mögliches freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Evonik-Aktien bestätigt hatte.

Offerten-Absage und Bewegung beim Großaktionär

Eine erste unverbindliche Annäherung stieß in Essen allerdings auf taube Ohren. Laut Medienberichten lehnte Evonik ein informelles Angebot von BASF über rund 22,15 Euro je Aktie als unzureichend ab. Evonik hatte den Eingang eines unverbindlichen Ansatzes am 25. September bestätigt, zugleich aber erklärt, dass zu diesem Zeitpunkt keine Gespräche geführt würden.

Zugleich gerät die Eigentümerstruktur in Bewegung. Die RAG-Stiftung, die rund 43,8 Prozent an Evonik hält, signalisierte am Mittwoch Gesprächsbereitschaft: Sie erklärte gegenüber Reuters, dass sie sich mit Zustimmung ihres Kuratoriums sogar von ihrer kompletten Beteiligung trennen könnte.

Zuvor stand lediglich ein geplanter Teilverkauf auf 25,1 Prozent im Raum. Politische Bedenken äußerte unterdessen die Opposition in Nordrhein-Westfalen: SPD-Landespolitiker Jochen Ott warnte am Mittwoch davor, dass bei einer Übernahme durch BASF Standorte und Arbeitsplätze gefährdet seien.

Umbauprogramm und gespaltene Analystenlager

Abseits des M&A-Pokers treibt der Essener Konzern seine eigene Neuausrichtung voran. Am 22. September kündigte das Management die Fortsetzung des Effizienzprogramms „Evonik Tailor Made“ an. Weltweit sollen 3.200 Arbeitsplätze gestrichen werden, davon rund 2.150 Stellen an den deutschen Standorten. Die zweite Phase des Vorhabens soll 2027 anlaufen und bis 2029 umgesetzt werden.

Unter den Analysten gehen die Meinungen über die Perspektiven weit auseinander. Während die DZ Bank ihren fairen Wert am Montag auf 22 Euro anhob und die Einstufung auf „Kaufen“ beließ, bleibt JPMorgan skeptisch. Chetan Udeshi führt die Aktie mit „Underweight“ und einem Kursziel von 14 Euro. Der Analyst verwies auf alternative Übernahmeziele für BASF, die ein besseres Ertragsprofil bei geringeren Vollzugsrisiken böten.

Klarheit über die fundamentale Entwicklung erhalten Anleger am 3. November. Dann veröffentlicht Evonik die detaillierten Zahlen für das dritte Quartal 2026.