Über fünf Prozent Dividendenrendite aus dem MDAX — klingt verlockend. Gleichzeitig kürzt einer der drei Kandidaten die Ausschüttung, beim zweiten läuft ein Konzernumbau, und der dritte kämpft mit Streiks und steigenden Kerosinkosten. Ein genauer Blick auf drei Titel, die für den Aufbau einer eigenen Aktienrente in Frage kommen.
Die durchschnittliche Dividendenrendite im MDAX liegt derzeit bei rund 2,8 Prozent. Evonik, Ströer und Lufthansa übertreffen diesen Wert deutlich — bei völlig unterschiedlichen Risikoprofilen. Wer die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und gewünschtem Lebensstandard mit Dividendenaktien schließen will, findet hier drei Ansätze.
Evonik: Hohe Rendite im Transformationsmodus
Die Dividende von 1,00 Euro je Aktie, ausgezahlt Anfang Juni, ergibt beim aktuellen Kurs von 15,82 Euro eine Rendite von rund 6,3 Prozent. Das klingt attraktiv, ist aber Ergebnis zweier gegenläufiger Kräfte: eines gesunkenen Kursniveaus und einer bewussten Kürzung. Im Vorjahr lag die Ausschüttung noch bei 1,17 Euro.
Konzernchef Christian Kullmann begründete den Schritt mit der Notwendigkeit, Zukunftsinvestitionen und Schuldenabbau zu priorisieren. Künftig soll die Dividende zwischen 40 und 60 Prozent des bereinigten Konzernergebnisses betragen — eine gewinnabhängige Formel, die mehr Flexibilität schafft, aber auch weniger Planbarkeit für Anleger bedeutet.
Operativ steckt Evonik mitten in einem tiefgreifenden Umbau. Die Infrastruktursparte wurde zum Jahresauftakt in die neue Tochter Syneqt ausgegliedert — ein Schritt zur Monetarisierung wertvoller Assets. Parallel soll das Sparprogramm „Evonik Tailor Made“ bis zum Abschluss 2026 rund 400 Millionen Euro jährlich einsparen. Der Preis: bis zu 2.000 Stellenstreichungen weltweit.
Die Aktie notiert mit 15,82 Euro deutlich unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 17,04 Euro. Allein in den vergangenen 30 Tagen ging es gut elf Prozent abwärts — nach einem bemerkenswerten Jahresstart, der das Papier seit Anfang 2026 trotzdem knapp 19 Prozent ins Plus gebracht hat.
Für die Prognose 2026 hält der Konzern an einer breiten EBITDA-Spanne von 1,7 bis 2,0 Milliarden Euro fest. Beim Umsatz wird der Ton vorsichtiger: Erwartet werden 13,5 bis 14,5 Milliarden Euro. Die Kapitalrendite lag 2025 bei 6,1 Prozent — mittelfristig peilt Evonik elf Prozent an. Bei Erreichung würde das die Ausschüttungsbasis spürbar stärken.
Für die Aktienrente eignet sich Evonik als Beimischung mit hoher laufender Rendite. Entscheidend wird sein, ob der Konzernumbau die versprochenen Ergebnisse liefert.
Ströer: Dividendenschnitt trifft auf Übernahmefantasie
Bei Ströer fiel die Dividendenkürzung deutlich heftiger aus als erwartet. Statt der von Analysten prognostizierten 2,12 Euro je Aktie schüttete der Außenwerber nur 1,85 Euro aus — nach 2,30 Euro im Vorjahr. Beim aktuellen Kurs von 33,96 Euro ergibt sich dennoch eine Rendite von rund 5,5 Prozent.
Als Gegengewicht setzt das Management auf Aktienrückkäufe: Bis November 2026 sollen eigene Anteile im Volumen von bis zu 50 Millionen Euro vom Markt genommen werden.
Die eigentliche Dynamik kommt allerdings von anderer Seite. In den vergangenen Wochen sorgten Übernahmespekulationen für Bewegung: Blackstone und I Squared prüften offenbar ein Angebot im mittleren 40-Euro-Bereich — bei einer Bewertung von rund 2,5 Milliarden Euro. Blackstone hat sich inzwischen zurückgezogen. I Squared prüft weiterhin den nächsten Schritt, ein konkretes Angebot steht aber aus.
Operativ zeigt sich ein differenziertes Bild:
- Konzernumsatz im Q1 2026: 496 Millionen Euro, organisch plus 1,1 Prozent
- Digitale Außenwerbung als Wachstumstreiber mit plus 12 Prozent
- Gesamtes Kerngeschäft Außenwerbung mit plus 5,4 Prozent
- Strategischer Umbau Richtung KI-gestütztes Plattformgeschäft
Auf der Führungsebene herrscht Unruhe. Nach der Freistellung von CFO Henning Gieseke übernahm Aufsichtsratschef Christoph Vilanek vorübergehend dessen Aufgaben — ein ungewöhnlicher Schritt, der Fragen zur Führungsstabilität aufwirft.
Der langfristige Kursverlauf enttäuscht: Über zehn Jahre hat die Aktie rund 25,8 Prozent verloren. Nur dank der Dividenden liegt der Total Return bei plus 14,7 Prozent. Der Kurs notiert mit 33,96 Euro mehr als ein Drittel unter dem 52-Wochen-Hoch von 51,30 Euro — und die Volatilität ist mit annualisiert gut 47 Prozent beachtlich.
Für die Aktienrente bleibt Ströer ein renditestarker, aber risikobehafteter Kandidat. Die hohe laufende Ausschüttung steht dem Kürzungsrisiko und der offenen Übernahmefrage gegenüber.
Lufthansa: Zyklischer Dividendenzahler im Aufwind
Bei der Hauptversammlung im Mai wurde die Dividende für 2025 auf 0,33 Euro je Aktie angehoben — ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beim aktuellen Kurs von 8,51 Euro ergibt sich eine Rendite von knapp vier Prozent. Analysten erwarten für 2026 eine ähnliche Ausschüttung, für 2027 einen Anstieg auf 0,37 Euro.
Das erste Quartal 2026 brachte einen Umsatz von 8,7 Milliarden Euro, gut acht Prozent mehr als im Vorjahr. Das operative Ergebnis verbesserte sich trotz saisonal schwachem Quartal. Belastet wurde die Bilanz durch eine ausgeprägte Streikwelle — Piloten und Kabinenpersonal legten koordiniert für 24 Stunden die Arbeit nieder. Hunderte Flüge fielen aus.
Die Konsequenzen gingen über kurzfristige Störungen hinaus. Angesichts gestiegener Kerosinpreise und der Mehrbelastungen durch Arbeitskämpfe zog der Konzern eine bereits geplante Umstrukturierung vor. Die 27 Flugzeuge der defizitären Tochter CityLine wurden endgültig aus dem Programm genommen.
Anders als Evonik und Ströer hat die Lufthansa-Aktie zuletzt Boden gutgemacht. In den vergangenen 30 Tagen legte der Kurs um knapp elf Prozent zu und notiert damit deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt. Mit einem KGV von 6,19 wirkt die Bewertung optisch günstig — was allerdings die zyklische Natur des Geschäftsmodells widerspiegelt.
Für Langfristanleger kann die Aktie eine interessante Beimischung sein. Als defensiver Anker für die Aktienrente taugt sie allerdings nicht: Streiks, Kerosinpreise und geopolitische Verwerfungen können die Ertragsbasis jederzeit empfindlich treffen.
Drei Ausschüttungsprofile, ein gemeinsames Ziel
Die drei MDAX-Titel verkörpern grundverschiedene Dividendenphilosophien. Evonik steht für hohe Rendite im Umbruch — mit einer neuen, gewinnabhängigen Formel, die bei erfolgreichem Konzernumbau nachhaltig tragen könnte. Ströer liefert die höchste nominale Rendite, hat diese aber gerade gekürzt und steht vor offenen strategischen Fragen. Lufthansa bietet eine moderate, zuletzt steigende Ausschüttung bei günstiger Bewertung — erkauft mit dem typischen Risiko der Luftfahrtbranche.
Das staatliche Generationenkapital wird frühestens Mitte der 2030er Jahre wirken. Bis dahin bleibt die Lücke zwischen gesetzlicher Rente und gewünschtem Lebensstandard bestehen. Hohe Dividendenrenditen allein schließen diese Lücke nicht — sie können Ausdruck eines gefallenen Kurses sein oder einer weiteren Kürzung vorausgehen. Eine breite Streuung über verschiedene Branchen und Ausschüttungsprofile bleibt der verlässlichste Weg zum stabilen Einkommensstrom im Alter.
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