Ein RSI von 26,3 schreit eigentlich nach Erholung. Bei Evotec bleibt der Aufschwung trotzdem aus – und dafür gibt es einen Grund, der tiefer liegt als jede Charttechnik.

Die Aktie notiert bei 3,48 Euro, nur rund neun Prozent über dem frisch markierten 52-Wochen-Tief von 3,19 Euro. Vom Jahreshoch bei 7,75 Euro trennen den Titel mehr als 55 Prozent. Ein überverkaufter RSI signalisiert normalerweise: Der Ausverkauf war übertrieben, eine Gegenbewegung ist fällig. Bei Evotec zeigt er stattdessen etwas anderes – nämlich, wie brutal der Verkaufsdruck der vergangenen Wochen tatsächlich war.

Der wahre Auslöser sitzt in der Bilanz, nicht im Chart

Wer nach dem Grund für den Absturz sucht, findet ihn nicht in Indikatoren, sondern in der Guidance. Evotec hat im Sommer 2026 seine Jahresprognose deutlich gesenkt. Statt 700 bis 780 Millionen Euro Umsatz rechnet das Management jetzt nur noch mit 570 bis 610 Millionen Euro.

Das bereinigte operative Ergebnis soll bei minus 70 bis minus 105 Millionen Euro landen. Als Begründung nennt das Unternehmen zeitliche Verschiebungen und schwächere Beiträge aus strategischen Partnerschaften. Klingt technisch – trifft aber den Kern des Problems.

Genau diese Erklärung dürfte erklären, warum die überverkaufte Marktlage bislang keine Erholungsrallye ausgelöst hat. Wer schon vor Monaten auf das Sparprogramm „Horizon“ gesetzt hatte, wurde jetzt ein zweites Mal enttäuscht. Diesmal nicht durch Kosten, sondern durch ausbleibendes Neugeschäft und verschobene Meilensteine.

Wiederholte Korrekturen kosten mehr als nur Kurspunkte

„Horizon“ sollte bis zu 800 Stellen abbauen und Standorte reduzieren. Das Ziel: jährliche Einsparungen von rund 75 Millionen Euro. Doch Sparprogramme lösen kein Problem, wenn gleichzeitig das Neugeschäft wegbricht.

Für mich ist das der eigentliche Knackpunkt: Wiederholte Prognosekorrekturen zerstören genau jene Kalkulierbarkeit, auf die Anleger bei einem Turnaround-Kandidaten angewiesen sind. Ein Unternehmen kann einmal danebenliegen. Beim zweiten Mal verliert es das Vertrauen des Marktes – und das zeigt sich in der Marktkapitalisierung von nur noch rund 615 Millionen Euro.

Zwei Lesarten, ein enges Zeitfenster

Optimisten verweisen auf das operative Kerngeschäft. Das Basisgeschäft ohne strategische Partner wuchs im ersten Halbjahr deutlich, und auch das Biologics-Segment läuft trotz insgesamt rückläufiger Zahlen operativ solide. Diese Substanz spricht dafür, dass Evotec fundamental nicht komplett ausgehöhlt ist.

Trotzdem überwiegt für mich aktuell das Risiko einer weiteren Enttäuschung. Solange das Management die Ergebniswirkung neuer Partnerschaften wiederholt in spätere Jahre verschiebt, bleibt jede technische Erholung fragil. Der überverkaufte RSI kann kurzfristig für volatile Gegenbewegungen sorgen – mehr aber vorerst nicht.

Ein nachhaltiger Boden entsteht bei Evotec erst dann, wenn sich die im Horizon-Programm versprochenen operativen Verbesserungen tatsächlich in harten Zahlen zeigen. Nicht in weiteren Ankündigungen. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger mit ausgeprägter Risikobereitschaft, nicht für jene, die auf eine schnelle Trendwende hoffen.