Die Europäische Zentralbank hält die Leitzinsen vorerst stabil — doch der Druck wächst spürbar. Zum siebten Mal in Folge blieb der Einlagenzins bei 2,0 Prozent. Gleichzeitig mehren sich die Signale, dass diese Pause nicht ewig andauern wird.

Falken gewinnen an Einfluss

EZB-Ratsmitglied Madis Müller brachte es offen auf den Punkt: Eine Zinsanhebung werde zunehmend wahrscheinlicher. Als Begründung nannte er die hartnäckig hohen Energiepreise, die sich als dauerhafter erweisen als zunächst erhofft. Der Iran-Konflikt verschärft die Lage zusätzlich — die Notenbank sieht die europäische Konjunktur durch die geopolitischen Spannungen erheblich belastet.

Die Reaktion an den Märkten fiel dennoch positiv aus. Anleger interpretierten die Entscheidung als Stabilitätssignal. Der DAX legte am Donnerstag rund 1,4 Prozent zu und schloss bei 24.292 Punkten. Marktanalysten verwiesen darauf, dass die EZB trotz angepasster kurzfristiger Inflationserwartungen keinen grundlegenden Schwenk im mittelfristigen Zinspfad signalisierte — genau das kam gut an.

Inflation auf 3 Prozent gestiegen

Der Preisdruck im Euroraum hat im April merklich zugelegt. Die Inflation kletterte auf 3,0 Prozent, nach 2,6 Prozent im Vormonat. Treiber sind vor allem die Energiekosten, die durch die Lage im Nahen Osten weiter angeheizt werden. Volkswirte rechnen nun damit, dass die EZB spätestens im Juni reagieren könnte — sofern der Krieg anhält und die Preisdynamik nicht nachlässt.

Auch der Blick auf einzelne Mitgliedsländer trübt das Bild. Frankreichs Wirtschaft stagnierte im ersten Quartal, während die Verbraucherpreise dort auf den höchsten Stand seit Mitte 2024 stiegen. Deutschland immerhin legte beim BIP um 0,3 Prozent zu — etwas stärker als erwartet — doch der Einzelhandel schwächelte mit einem Rückgang von 2,0 Prozent im Jahresvergleich deutlich stärker als prognostiziert.

Die Kombination aus zögerlichem Wachstum und anziehender Inflation setzt die Frankfurter Währungshüter in eine klassische Zwickmühle. Zu früh straffen riskiert, die ohnehin fragile Konjunktur abzuwürgen. Zu langes Abwarten könnte den Inflationserwartungen Auftrieb geben — ein Risiko, das EZB-intern offenbar immer ernster genommen wird.