Im operativen Geschäft baut Gerresheimer seine Kapazitäten massiv aus. Auf dem Papier kämpft der Verpackungsspezialist um das Vertrauen des Kapitalmarkts. Ein handfester Bilanzskandal überschattet den Ausbau in den USA. Die Aktie spiegelt dieses Spannungsfeld wider. Mit aktuell 25,98 Euro notiert das Papier fast die Hälfte unter dem Jahreshoch.

Automatisierung in den USA

Im US-Bundesstaat Georgia laufen die Maschinen auf Hochtouren. Gerresheimer hat in Peachtree City zwei riesige automatisierte Palettenlager in Betrieb genommen. Die neue Software steuert zahlreiche Artikelarten komplett ohne manuelle Eingriffe.

Der Ausbau kostet 180 Millionen US-Dollar. Er bringt dem Standort über 400 neue Arbeitsplätze. Parallel dazu treibt das Management digitale Therapien voran. Eine neue Partnerschaft mit Newel Health verknüpft künstliche Intelligenz mit klassischen Verpackungslösungen.

Fehlerhafte Buchungen und Ermittlungen

Diese operativen Fortschritte verpuffen an der Börse. Der Grund: eine tiefgreifende Bilanzkrise. Gerresheimer hat Umsätze zu früh verbucht. Kunden erhielten Rechnungen für Waren, die das Unternehmen noch gar nicht geliefert hatte.

Eine Kanzlei deckte diese systematischen Fehler auf. Sie belasten den Umsatz um 35 Millionen Euro und das operative Ergebnis um 24 Millionen Euro. Der Wirtschaftsprüfer KPMG hatte den fehlerhaften Abschluss für 2024 noch testiert. Nun ermitteln die BaFin und die Aufsichtsstelle APAS gegen die Prüfer.

Die Altlasten reichen noch weiter. Für 2025 erwartet das Management massive Wertminderungen von bis zu 240 Millionen Euro. Betroffen sind vor allem das Projekt Sensile Medical und Vermögenswerte in Chicago.

Notverkauf sichert Liquidität

Um die Bilanz zu stabilisieren, zieht der Vorstand die Reißleine. Die US-Tochter Centor steht zum Verkauf. Morgan Stanley begleitet den Bieterprozess mit zahlreichen Interessenten. Ein Abschluss soll noch in diesem Jahr erfolgen.

Die Zeit drängt. Gläubiger haben einer Fristverlängerung für Schuldscheine über 870 Millionen Euro zugestimmt. Wichtige Kreditbedingungen sind bis zum dritten Quartal 2026 ausgesetzt. Das verhindert eine sofortige Liquiditätskrise.

Ohne testierten Jahresabschluss meiden institutionelle Investoren das Papier. Im April flog die Aktie bereits aus dem SDAX. Passiv investierende Fonds müssen den Titel nicht mehr halten.

Die Prognose für das Jahr 2026 steht unter einem harten Vorbehalt. Das Umsatzziel von bis zu 2,4 Milliarden Euro gilt nur bei einem positiven Ermittlungsergebnis der BaFin. Seit dem Rekordtief bei 14,90 Euro hat sich die Aktie zwar massiv erholt. Die Faktenlage klärt sich jedoch erst im Juni. Dann muss das Management den mehrfach verschobenen Jahresabschluss endgültig vorlegen.