Die Bilanzaffäre bei Gerresheimer hat eine neue Dimension erreicht. Es geht längst nicht mehr nur um fehlerhafte Umsatzbuchungen — die BaFin hat konkrete Anhaltspunkte für systematische Verstöße gegen IFRS-Standards über mehrere Berichtsperioden gefunden. Und je länger die Sonderuntersuchungen dauern, desto länger bleibt der Konzern in der Schwebe.
Mehr als nur Buchungsfehler
Am Anfang standen sogenannte „Bill-and-Hold“-Vereinbarungen: Mitarbeiter hatten Umsätze erfasst, bevor die Ware das Werk physisch verlassen hatte. Eine unabhängige Rechtsanwaltskanzlei stellte fest, dass diese Praxis „durchgängig nicht den Anforderungen der IFRS entsprach“. Für 2024 ergibt sich daraus ein Korrekturbedarf von rund 35 Millionen Euro beim Umsatz und etwa 24 Millionen Euro beim bereinigten EBITDA.
Die BaFin hat ihre Prüfung inzwischen weit über diesen Ausgangspunkt hinaus ausgedehnt. Die Behörde beanstandet unter anderem:
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- Leasingverbindlichkeiten von 65,5 Mio. Euro in möglicherweise unzutreffender Höhe
- Falsch angegebene Nutzungsdauern bei aktivierten Entwicklungskosten (Buchwert: 29,4 Mio. Euro)
- Nicht erfasste Wertminderungen bei Vermögenswerten des Segments Advanced Technologies (Buchwert: 196,5 Mio. Euro)
- Unzureichende Risikobewertung zur Bormioli-Pharma-Akquisition im Halbjahresbericht
Letzteres wiegt schwer: Gerresheimer hatte mit der Übernahme von Bormioli Pharma den Verschuldungshebel erheblich erhöht, stufte das Liquiditätsrisiko im Halbjahresbericht jedoch weiterhin als „gering“ ein. Laut BaFin gibt es Anhaltspunkte, dass diese Einschätzung „nicht mehr angemessen“ war.
Kettenreaktion ohne Ende
Die Folgen ziehen sich durch den gesamten Unternehmenskalender. Am 10. März 2026 meldete Gerresheimer per Ad-hoc, dass der testierte Jahresabschluss 2025 nicht wie geplant bis Ende März vorgelegt werden kann — der Termin verschiebt sich auf Juni 2026. Damit fällt auch die Quartalsmitteilung für Q1 2026 (ursprünglich 16. April) weg, und die ordentliche Hauptversammlung am 3. Juni ist nicht mehr haltbar.
Parallel verhandelt der Konzern mit seinen Kreditgebern über eine Fristverlängerung zur Vorlage des testierten Abschlusses. Und: Gerresheimer erwartet selbst, dass die Verzögerung zum Ausschluss aus dem SDAX führen wird — mit entsprechendem Verkaufsdruck durch Indexfonds, die umschichten müssen.
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Operativ trübt sich das Bild ebenfalls ein. Wertminderungen von 220 bis 240 Millionen Euro werden für 2025 erwartet — hauptsächlich bei Sensile Medical (Schweiz) und Gerresheimer Moulded Glass Chicago. Die bereinigte EBITDA-Marge soll auf 16,5 bis 17,5 Prozent sinken, nach zuvor angepeilten 18,5 bis 19,0 Prozent. Ein Verlust beim bereinigten Ergebnis je Aktie ist nicht ausgeschlossen.
Shortseller und Anlegerschützer positionieren sich
Der Markt hat auf die Entwicklungen reagiert. Die Shortquote liegt mit knapp 15 Prozent deutlich über dem Zwölf-Monats-Durchschnitt von 5,8 Prozent — auch wenn einzelne Hedgefonds wie AHL Partners und Qube Research ihre Positionen zuletzt leicht reduzierten. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) prüft Schadenersatzansprüche und hat betroffene Anleger zur Meldung aufgefordert. Im Fokus stehen neben dem ehemaligen CEO Dietmar Siemssen und CFO Bernd Metzner auch Mitglieder des Aufsichtsrats, insbesondere der Prüfungsausschuss.
Die Aktie notiert mit rund 19 Euro weit unter dem 52-Wochen-Hoch von 78,45 Euro — ein Rückgang von über 75 Prozent innerhalb eines Jahres. Erst mit dem testierten Jahresabschluss im Juni 2026 wird der Markt das tatsächliche Ausmaß der Bilanzkorrekturen vollständig einpreisen können. Die BaFin hat angekündigt, die Öffentlichkeit über ihre Prüfungsergebnisse zu informieren.
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