Ausgangslage
Gerresheimer steckt mitten in einem Umbruch, der mehrere Ebenen gleichzeitig betrifft. Erst vor gut einer Woche gab Uwe Röhrhoff seinen vorzeitigen Rückzug als Interim-CEO bekannt, obwohl sein Mandat eigentlich bis Oktober gelaufen wäre. Nun führen CFO Wolf Lehmann und Vorstandsmitglied Achim Schalk die Geschäfte kommissarisch.
Parallel dazu wählte die Hauptversammlung Anfang der Woche einen neuen Aufsichtsrat: Rainer Beaujean, Markus Sieger und Eva van Pelt rückten neu ins Gremium ein, Sieger übernimmt den Vorsitz. Die Präsenz bei der Abstimmung lag bei 41,59 Prozent des Grundkapitals – alle Beschlussvorschläge fanden Mehrheiten.
Warum das jetzt zählt: Der Führungswechsel fällt mitten in eine laufende operative Baustelle. Erst am Donnerstag vergangener Woche legte das Unternehmen Zahlen für das erste Quartal 2026 vor, die ein zwiespältiges Bild zeichnen.
Der Umsatz kletterte auf 524 Millionen Euro, leicht über dem Vorjahreswert von 519 Millionen Euro. Das bereinigte EBITDA brach jedoch von 81 auf 66 Millionen Euro ein. Die Aktie notiert aktuell bei 27,98 Euro und damit rund 38 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 44,88 Euro aus dem vergangenen September – zugleich aber deutlich über dem Tief von 14,90 Euro aus dem Februar.
Die entscheidende Frage
Für Anleger läuft derzeit alles auf eine Frage hinaus: Schafft das kommissarische Führungsduo die Stabilisierung der operativen Marge, während gleichzeitig milliardenschwere Portfolioverkäufe abgewickelt werden?
Der Verkauf von Centor und dem globalen Geschäft mit Primary Packaging Plastics an Apax Partners mit einem kombinierten Unternehmenswert von 1,5 Milliarden Euro soll bis Ende des laufenden Geschäftsjahres beziehungsweise in der ersten Hälfte des folgenden Geschäftsjahres abgeschlossen werden. Das betrifft 16 Produktionsstandorte in neun Ländern mit rund 2.400 Beschäftigten.
Ob der freiwerdende Erlös die Bilanz entlastet, bevor das GTO-Transformationsprogramm seine geplante EBITDA-Verbesserung von 50 bis 70 Millionen Euro entfaltet, entscheidet maßgeblich über die Kursrichtung der kommenden Monate.
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht der deutlich verbesserte Free Cashflow: Im ersten Quartal lag er bei minus 32 Millionen Euro, nach minus 141 Millionen Euro im Vorjahresquartal – eine Verbesserung um mehr als 100 Millionen Euro. JPMorgan bekräftigte Ende August seine Einstufung „Overweight“ mit einem Kursziel von 46 Euro und begründete dies damit, der Quartalsumsatz habe die Erwartungen übertroffen.
Gelingt es Lehmann und Schalk, die Übergangsphase ohne weitere operative Rückschläge zu überbrücken, und laufen die Centor- und PPP-Verkäufe wie geplant, könnte die Kombination aus Entschuldung und Fokussierung auf das margenstärkere Kerngeschäft der Aktie neuen Rückenwind geben. Der Kurs handelt bereits 13 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 24,76 Euro – ein Indiz für eine seit Monaten laufende Stabilisierung.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Kombination aus Führungsvakuum und operativem Gegenwind. Dass JPMorgan trotz des positiven Umsatztrends explizit auf das „deutlich schwächer ausgefallene operative Ergebnis“ hinwies, zeigt: Die Marge bleibt die Schwachstelle.
Ein Interim-Vorstand ohne dauerhaften CEO-Nachfolger kann größere strategische Entscheidungen kaum forcieren, gerade wenn parallel zwei komplexe Konzernverkäufe abgewickelt werden müssen.
Verzögert sich einer der Deals, oder bleibt die EBITDA-Erosion über weitere Quartale bestehen, dürfte der Markt die Neuaufstellung des Aufsichtsrats als reine Formalie abtun statt als Vertrauenssignal. Die hohe annualisierte Volatilität von 51 Prozent unterstreicht, wie unsicher Anleger die weitere Entwicklung derzeit einschätzen.
Ausblick
Solange der Free-Cashflow-Trend anhält und die Centor-Transaktion im geplanten Zeitfenster bis Ende des Geschäftsjahres abgeschlossen wird, dürfte der Markt der Führungsübergangslösung Zeit geben. Kippt hingegen die EBITDA-Marge weiter ab oder verzögert sich einer der Verkäufe, würde das Vertrauen in die kommissarische Doppelspitze schnell erodieren.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der Abschluss der Centor-Transaktion bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres – ein Termin, an dem sich zeigen wird, ob das Unternehmen sein Portfolio wie geplant verschlanken kann, während es zugleich eine neue Führungsstruktur sucht.
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