Erstmals seit Monaten passen große Analysehäuser ihre langfristigen Erwartungen für das Edelmetall an das veränderte Zinsumfeld an. Bernstein Research hat die langfristige Preisprognose für das Jahr 2030 von zuvor 6.100 auf 5.600 US-Dollar je Feinunze gesenkt.
Analyst Bob Brackett begründet diesen Schritt mit den gestiegenen Realzinsen und verschobenen geldpolitischen Erwartungen. Am Kassamarkt notiert die Feinunze heute bei 4.341,25 US-Dollar, was einem Tagesrückgang von 0,9 Prozent entspricht.
Trotz der Zielsenkung hält das Traditionshaus an einer grundsätzlich positiven Haltung fest. Historische Muster zeigen, dass das Edelmetall selbst in Phasen moderat steigender Realzinsen zulegen kann. Als wesentlichen Risikofaktor identifiziert Brackett allerdings anhaltend hohe Energie- und Raffineriepreise, da diese den Inflationsdruck hochhalten und den Spielraum für weitere Zinsschritte vergrößern könnten.
Goldman Sachs beharrt auf 5.400 US-Dollar
Ein anderes Bild zeichnet Goldman Sachs. Das Institut hält unverändert an seiner Zielmarke von 5.400 US-Dollar je Feinunze bis Ende 2027 fest. Analystin Lina Thomas argumentiert, dass eine straffere Geldpolitik den Aufwärtstrend des Edelmetalls zwar vorübergehend bremsen, aber keineswegs brechen könne. Ein wesentlicher Teil der Zinsrisiken sei im Markt für börsengehandelte Fonds bereits berücksichtigt worden.
Goldman Sachs rechnet für Oktober mit einem weiteren Zinsanstieg, erwartet jedoch für den Zeitraum zwischen September 2027 und März 2028 wieder drei Zinssenkungen. Ein deutlich schärferer Straffungskurs könnte nach Einschätzung des Hauses zwar eine stärkere Korrektur erzwingen, das übergeordnete Chance-Risiko-Verhältnis bleibe für Anleger dennoch nach oben gerichtet.
Technischer Halt über dem Zwischentief
Am Markt für physisches Metall und Termin-Kontrakte verarbeiteten Händler die Zinsentscheidung der Notenbank vom vergangenen Mittwoch, seither verzeichnete das Edelmetall ein Plus von 1,9 Prozent.
Nach einem zwischenzeitlichen Rückfall auf 4.235 US-Dollar fingen die Notierungen den jüngsten Abwärtsdruck zunächst auf. Der Kurs behauptet sich mit 4.341,25 US-Dollar knapp über dem 50-Tage-Durchschnitt von 4.309,48 US-Dollar, der von Marktteilnehmern als kurzfristige Unterstützung beobachtet wird.
Zusätzliche Impulse zeichnen sich im Wochenverlauf durch geopolitische Faktoren ab. Neben den Spannungen im Nahen Osten und Berichten über Drohnenangriffe auf Riad blicken Marktteilnehmer vor allem auf das geplante Spitzentreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Chinas Staatsführung am kommenden Donnerstag. Die Gespräche über Zölle, Technologiekontrollen und Handelsfragen könnten dem Goldpreis neue Orientierung abseits der reinen Zinsdebatte geben.
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