Von 6.000 Dollar auf 4.300 Dollar — in weniger als drei Monaten. Deutsche Bank hat ihre Goldpreisprognose für das dritte Quartal 2026 um über 22 Prozent gesenkt. Das ist die schärfste Prognosekorrektur eines europäischen Instituts in diesem Jahr.
Analyst Michael Hsueh nennt einen klaren Schuldigen: die US-Geldpolitik. „Fed-Repricing, zusammen mit robusten US-Makrodaten, hat die primäre Rolle dabei gespielt, Gold nach unten zu drücken“, schreibt er in seiner Research-Note vom 23. Juni. Die Investmentnachfrage nach Gold versiegte, weil Anleger zunehmend mit steigenden Zinsen rechnen.
Vom 6.000-Dollar-Ziel zur Rückzugslinie
Noch im April hatte Deutsche Bank Goldpreise von 6.000 Dollar je Unze für möglich gehalten — gestützt auf De-Dollarisierung, Zentralbankkäufe und Sorgen um das US-Haushaltsdefizit. Jetzt lautet das neue Quartalsziel 4.300 Dollar, für Q4 2026 erwartet Hsueh 4.800 Dollar — ein Rückgang von 17 Prozent gegenüber der alten Prognose.
Hsueh warnt außerdem vor einem Risikofall: Sollte die Fed drei bis vier Zinserhöhungen beschließen, könnte Gold auf 3.800 Dollar fallen. Sein Basisszenario setzt darauf, dass die Zinsen 2026 unverändert bleiben. Neun von neunzehn FOMC-Mitgliedern signalisierten bei der Juni-Sitzung jedoch mindestens eine weitere Erhöhung. Die Wahrscheinlichkeit einer Dezember-Anhebung stieg auf über 89 Prozent.
Kein Einzelfall
Deutsche Bank folgt Goldman Sachs. Die US-Bank kürzte ihr Jahresendziel bereits in der Vorwoche um 500 Dollar auf 4.900 Dollar — mit derselben Begründung: keine Zinssenkungen 2026. Auch BofA Global Research hat seine Prognose um eine Zinserhöhung im September revidiert.
Der aktuelle Goldkurs spiegelt diesen Druck wider. Gestern schloss Gold bei 4.155 Dollar je Unze — rund 26 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 5.627 Dollar. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von gut vier Prozent. Der RSI liegt bei 35,8 und zeigt damit überverkaufte Bedingungen an.
Hinzu kommt ein zweiter Belastungsfaktor: Das zwischen den USA und dem Iran unterzeichnete Memorandum of Understanding senkte die geopolitische Risikoprämie. Weniger Angst bedeutet weniger Safe-Haven-Nachfrage — und weniger Kaufdruck für Gold.
Strukturelle Käufer halten dagegen
Die langfristigen Treiber sind nicht verschwunden. Zentralbanken kauften im ersten Quartal 2026 netto 244 Tonnen Gold — drei Prozent mehr als im Vorjahr. Der World Gold Council meldet, dass 45 Prozent der Zentralbanken planen, ihre Goldbestände 2026 weiter aufzustocken. Hsueh hebt außerdem die chinesische Investmentnachfrage hervor: An der Shanghai Gold Exchange bleiben die Aufgelder erhöht, selbst wenn westliche Preise fallen.
Der Markt steht damit vor einer klaren Spaltung: strukturelle Käufer auf der einen Seite, geldpolitischer Gegenwind auf der anderen. Ob der Dollarindex seinen Ausbruch über die 100er-Marke halten kann, dürfte darüber entscheiden, welche Kraft kurzfristig die Oberhand behält.
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