Zwei Milliarden Dollar an Finanzierungszusagen, ein Pentagon-Bericht im Rücken — und trotzdem hat die Aktie seit Jahresbeginn mehr als 40 Prozent verloren. Für Graphite One wird die Hauptversammlung am 26. Juni 2026 zum ersten echten Stimmungstest des Jahres.

Aktionäre stimmen über Vergütung ab

Auf der Tagesordnung stehen Aktienprämien für das Management für das laufende Kalenderjahr. Nach zuletzt erfolgten Zuteilungen unter dem unternehmenseigenen Omnibus-Plan zählt Graphite One knapp 209 Millionen ausgegebene Stammaktien. Hinzu kommen rund 4,4 Millionen RSUs, gut 4,9 Millionen Performance Share Units und knapp 10,7 Millionen Aktienoptionen.

Das ist kein kleines Verwässerungspotenzial. Und es kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt: Der Kurs schloss zuletzt bei 0,68 Euro — mehr als 57 Prozent unter dem Jahreshoch von 1,59 Euro vom Januar. Kein Wunder, dass die Abstimmung über Managementvergütung diesmal keine Formsache ist.

Ohio-Standort gesichert, Verträge fehlen noch

Am 19. Mai sicherte sich Graphite One einen neuen Standort im ohioischen Conneaut. Der ursprünglich geplante Standort in Warren fiel weg, weil die nötige Strominfrastruktur nicht rechtzeitig verfügbar gewesen wäre. Dort soll künftig die Fabrik für aktive Anodenmaterialien entstehen.

Das Projekt hat strategische Relevanz. Die USA sind zu 100 Prozent auf Graphitimporte angewiesen. Graphite One will eine vollständig amerikanische Lieferkette aufbauen — vom Graphite-Creek-Vorkommen in Alaska, das die US-Geologiebehörde als größte Graphitlagerstätte der USA eingestuft hat, bis zur Verarbeitung in Ohio.

Der Gesamtpreis für diese Lieferkette liegt bei rund fünf Milliarden Dollar: 3,9 Milliarden für die Verarbeitungsanlage in Ohio, 1,1 Milliarden für die Mine in Alaska. Die US-Exportkreditbehörde EXIM hat unverbindliche Finanzierungsabsichtserklärungen über 670 Millionen Dollar für Alaska und 1,4 Milliarden Dollar für Ohio ausgestellt — beide im Dezember 2025 angekündigt.

Unverbindlich ist das entscheidende Wort. Bindende Abnahmeverträge mit Kunden fehlen bislang. Solange diese nicht vorliegen, bleibt eine Lücke zwischen politischem Rückenwind und tatsächlichem Marktvertrauen.

ITC-Entscheidung bremst Handelsschutz-Hoffnungen

Eine Entwicklung hat die Investmentthese zuletzt komplizierter gemacht. Im März 2026 entschied die US-Handelskommission ITC, dass chinesische Graphitanoden-Importe die amerikanische Industrie weder materiell schädigen noch bedrohen. Die Folge: Die zuvor vom Handelsministerium vorgeschlagenen Zölle von bis zu 220 Prozent treten nicht in Kraft.

Das ist ein Rückschlag für die Branche. Die Klage hatte im Dezember 2024 begonnen, als ein Zusammenschluss amerikanischer Anodenmaterialhersteller chinesische Anbieter wegen Dumping und staatlicher Subventionen verklagte.

Separat verlängerte die US-Regierung Zollbefreiungen auf importierte Batterie-Produktionsanlagen bis mindestens November 2026 — ein Eingeständnis, dass die heimische Industrie noch auf ausländische Technologie angewiesen ist.

Pentagon-Rückhalt und Genehmigungsrennen

Gegenläufig wirkt ein Pentagon-Bericht vom 4. Juni 2026. Er empfiehlt Produktions- und Investitionssteuergutschriften, einen staatlichen Co-Investmentfonds sowie Lizenzrahmen für Fertigungstechnologie aus Partnerländern. Das Potenzial: rund 5.000 amerikanische Arbeitsplätze und ein globaler Batterieanlagenmarkt, der bis 2032 auf 48 Milliarden Dollar anwachsen soll.

Das Graphite-Creek-Projekt ist im FAST-41-Genehmigungsportal gelistet, das Transparenz bei Großprojekten herstellen soll. Das US Army Corps of Engineers prüft den Antrag noch — Entscheidungsfrist ist der 29. September 2026.

Allerdings hat der Wettbewerb zugelegt. Zwei weitere US-Graphitprojekte in Alabama und New York erhielten im März 2026 ebenfalls FAST-41-Status. Das Rennen um die erste vollständig amerikanische Graphit-Lieferkette hat mehrere Teilnehmer.

Bis zum 26. Juni entscheiden die Aktionäre zunächst über die Vergütungsfrage. Die eigentliche Bewährungsprobe folgt danach: bindende Kundenverträge und die Genehmigungsentscheidung im Herbst.