Ein verdoppelter Auftragseingang, ein Rekord-Auftragsbestand von über zehn Milliarden Euro – und trotzdem ein deutliches Kursminus. Der Rüstungselektronik-Konzern Hensoldt hat am Freitag seine Halbjahreszahlen für 2026 vorgelegt, doch die Reaktion an der Börse fiel unerwartet negativ aus. Die Aktie schloss bei 79,76 Euro und verlor auf Tagesbasis 4,64 Prozent.
Starke operative Zahlen
Der Auftragseingang des Konzerns verdoppelte sich im ersten Halbjahr auf 2.812 Millionen Euro, nach 1.405 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Auftragsbestand erreichte mit 10.356 Millionen Euro einen neuen Rekordwert. Der Konzernumsatz stieg um 23,6 Prozent auf 1.167 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA legte um 28,5 Prozent auf 137 Millionen Euro zu, die Marge verbesserte sich von 11,3 auf 11,8 Prozent. Der bereinigte Free Cashflow blieb mit minus 136 Millionen Euro negativ, verbesserte sich aber gegenüber dem Vorjahreswert von minus 181 Millionen Euro.
Besonders dynamisch entwickelte sich das Segment Optronics: Der Auftragseingang sprang dort von 164 Millionen Euro auf 971 Millionen Euro, getrieben durch Großaufträge für die Schützenpanzer Puma und Schakal. Diese Aufträge unterstreichen, wie stark die Nachfrage nach Landsystemen derzeit ist.
Bestätigte statt erhöhte Prognose enttäuscht Anleger
Der Kursrückgang lässt sich vor allem mit den Erwartungen im Vorfeld erklären. Marktteilnehmer hatten angesichts des starken ersten Halbjahres offenbar auf eine Anhebung der Jahresprognose spekuliert. Der Vorstand bestätigte die bestehenden Ziele jedoch lediglich: Für 2026 werden weiterhin ein Umsatz von rund 2,75 Milliarden Euro, eine bereinigte EBITDA-Marge zwischen 18,5 und 19,0 Prozent sowie ein Book-to-Bill-Verhältnis zwischen 1,5x und 2,0x angestrebt. Ausbleibende Prognoseanhebungen trotz Rekordzahlen wurden am Markt offenbar als Signal gewertet, dass das Wachstumstempo an Grenzen stoßen könnte – eine Interpretation, die sich auch in den Kommentaren einzelner Analysehäuser widerspiegelt.
Mit dem Kursrutsch vom Freitag hat sich der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 115,10 Euro aus dem Oktober auf 30,70 Prozent vergrößert. Die Aktie bleibt damit deutlich unter ihrem Jahreshoch, wenngleich sie über die vergangenen 30 Tage noch ein Plus verzeichnete und seit Jahresbeginn im positiven Bereich notiert.
Analysten uneins über die Bewertung
Die Reaktionen der Analysehäuser am Freitag fielen gespalten aus. Jefferies beließ die Einstufung auf „Buy“ mit einem Kursziel von 94,00 Euro und lobte das Rekord-Auftragsbuch sowie die leichte Übertreffung der eigenen Prognosen. Ganz anders die Einschätzung von mwb research: Das Analysehaus bestätigte seine „Sell“-Empfehlung mit einem Kursziel von 62,00 Euro und begründete dies mit einer hohen Bewertung von 13,4x EV/EBITDA auf Basis der Schätzungen für 2028 sowie Zweifeln daran, ob sich das aktuelle Auftragsniveau über 2028 hinaus halten lässt.
Zwischen diesen beiden Polen bewegten sich die übrigen Stimmen: Warburg Research bekräftigte „Buy“ mit Kursziel 91,00 Euro und bezeichnete das zweite Quartal als überzeugend, weil das Umsatzwachstum profitabel umgesetzt worden sei. JPMorgan hielt an „Neutral“ mit einem Kursziel von 85,00 Euro fest und verwies auf die im Branchenvergleich höchste Bewertung des Konzerns – bei Wettbewerbern wie der Renk Group sähen die Analysten größeres Aufwärtspotenzial. Die Kursziele der vier Häuser spannen damit einen weiten Bogen von 62 bis 94 Euro und zeigen, wie unterschiedlich die Bewertungsfrage am Markt derzeit beantwortet wird.
Blick nach vorn: Campus-Eröffnung und anstehende Termine
Erst am 24. Juli hatte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius gemeinsam mit dem Hensoldt-Vorstand einen neuen Unternehmenscampus eröffnet, im Mittelpunkt standen Hochleistungsradare wie das TRML-4D. Als möglicher weiterer Katalysator gilt die für August erwartete luWES-Ausschreibung für Unterwasser-Waffensysteme.
Anleger richten den Blick nun auf den weiteren Terminkalender: Am 2. September tritt Hensoldt bei der Commerzbank & ODDO Corporate Conference in Frankfurt auf, am 5. November folgt die Quartalsmitteilung zu den ersten neun Monaten, und am 10. November lädt der Konzern zu einem Kapitalmarkttag nach London. Bis dahin dürfte die Diskussion anhalten, ob das derzeitige Auftragsniveau tragfähig ist oder ob die von mwb research geäußerten Bewertungssorgen berechtigt sind.
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