Ein Auftragsbestand von über 10 Milliarden Euro, eine Verdopplung der Neuaufträge – und trotzdem ein Kursrutsch. Bei Hensoldt klaffen operative Rekordzahlen und Marktreaktion auseinander. Der Grund liegt tiefer als im reinen Zahlenwerk.
Rekordzahlen treffen auf Skepsis
Am Freitag legte der Taufkirchener Rüstungselektronik-Spezialist seine Halbjahreszahlen vor. Der Auftragseingang verdoppelte sich auf 2,812 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand kletterte auf die historische Marke von 10,356 Milliarden Euro.
Der Markt reagierte trotzdem mit einem Kursrücksetzer von 4,64 Prozent. Die Aktie schloss bei 79,76 Euro. Analysten von mwb research bestätigten am Montag ihre „Sell“-Empfehlung mit Kursziel 62 Euro.
Ihre Begründung: Das aktuelle Auftragsniveau spiegele vor allem Nachholbedarf wider. Zudem sei die Bewertung – gemessen am erwarteten Gewinn für 2028 – bereits sehr ambitioniert. Trotz des Rücksetzers notiert die Aktie noch 3,84 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 76,81 Euro.
luWES-Ausschreibung im August
Ein Kurstreiber rückt für Investoren in den Fokus: die Ausschreibung für das luWES-System zur unbemannten elektronischen Kampfführung. Laut Management soll das Tender-Verfahren im August starten. Das Volumen wird auf über eine Milliarde Euro geschätzt, sofern Hensoldt eine breite Systemverantwortung übernimmt.
CEO Oliver Dörre brachte das zentrale Thema auf den Punkt. Nicht die Verteidigungsbudgets seien der Engpass, sondern die industrielle Kapazität und technologische Innovation. Marktbeobachter stufen diese „Industrial Execution“ als das zentrale Risiko für das zweite Halbjahr ein.
Kurz gesagt: Aufträge hat Hensoldt genug. Die Frage ist, wie schnell sie sich in Umsatz umsetzen lassen.
Wachstum mit Wachstumsschmerzen
Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 23,6 Prozent auf 1,167 Milliarden Euro. Besonders die Optronik-Sparte legte zu: Ihr Auftragseingang versechsfachte sich fast auf 971 Millionen Euro. Rahmenverträge für Wärmebildgeräte und Zieloptiken gepanzerter Fahrzeuge wie Schakal und Puma trieben das Wachstum.
Das bereinigte EBITDA kletterte um 28,5 Prozent auf 137 Millionen Euro. Die bereinigte Marge verbesserte sich auf 11,8 Prozent, nach 11,3 Prozent im Vorjahr. Das Book-to-Bill-Verhältnis stieg von 1,5x auf 2,4x – ein Beleg für die hohe Nachfrage.
Trotz der Verbesserung liegt die Marge noch deutlich unter dem Jahresziel von 18,5 bis 19 Prozent. Das erhöht den Druck auf das vierte Quartal. Traditionell realisiert Hensoldt dort die meisten Projektmeilensteine.
Partnerschaften erweitern das Portfolio
Hensoldt baut seine technologische Basis parallel weiter aus. Im Rahmen der Partnerschaft mit Helsing verbuchte das Unternehmen den ersten Auftrag für das CAIRAS-Raketenwarnsystem, gedacht für das autonome Kampfflugzeug CA-1 Europa. Zusätzlich arbeitet Hensoldt mit der ukrainischen Fire Point im Projekt Freyja zusammen.
Für Anleger bleiben zwei Termine entscheidend: der Start der luWES-Ausschreibung im August und die Marge im vierten Quartal. Erst wenn Hensoldt zeigt, dass sich der Rekord-Backlog auch in profitablem Umsatz niederschlägt, dürfte die Skepsis der Analysten schwinden.
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